Ein Besuch im Nezu-Schrein (根津神社)

Dieses Foto wurde nicht in Kyōto aufgenommen. Wieso Kyōto? Aber klar, da gab es ja mal etwas Ähnliches. Nein, diese rote Torbogenallee entdeckte ich in einem kleinen Schrein mitten im Nirgendwo des Dschungels Tokyo.

Genauer gesagt liegt der kleine Schrein nordwestlich vom 上野公園 Ueno-Park (s. Karte1), einem der bekanntesten Parks Tokyos, der sehr viele große Museen beherbergt und besonders zur Kirschblütenzeit ein beliebter Ausflugsort ist:


Bei diesem kleinen Schrein handelt es sich um den 根津神社 Nezu jinja (Nezu-Schrein). Und so unscheinbar wie der Schrein wirken mag, so hat er aber doch – neben dem in der Schreinanlage eingebetteten Inari-Schrein2 – Interessantes und Schönes zu bieten.

So ist der Nezu-Schrein, dessen heutiger Bau auf das Jahr 1705 zurückgeht,3 zum Beispiel einer der sog. 東京十社 Tokyo jissha, der „Zehn Schreine von Tokyo“. Diese zehn Schreine wurden 1868 – im Jahre der Meiji-Restauration – im Zuge eines kaiserlichen Edikts zur Trennung von Shintōismus und Buddhismus (dem 神仏判然令 shinbutsu hanzenrei, „Verordnung zur Trennung von Shintō und Buddhismus“) zu kaiserlich sanktionierten Pilgerstätten erhoben.4 Des Weiteren ist er bereits 1931 als „Wichtiges Kulturgut Japans“ (重要文化財 Jūyō Bunkazai) anerkannt worden.

Bild 1. Ein uriges Cafe.

Bild 1. Ein uriges Cafe.

Abseits der geschichtlichen Aspekte ist der Schrein vor allem für seine Azaleen bekannt, die jedes Jahr zwischen April und Mai blühen. In der Zeit der Azaleenblüte findet daher das sog. つつじまつり tsutsuji matsuri („Azaleenfest“) statt, das viele Leute anzieht. So auch mich in diesem Jahr (s. Bilder 12 – 14).

Die Bilder vom Azaleenfest machen aber nur einen kleinen Teil dieser Bilderreihe aus. Die restlichen Bilder sind bereits letztes Jahr bei einem Spaziergang im Dezember entstanden. Denn die urige Nachbarschaft, in der es viele Cafes gibt (s. Bild 1), bietet sich hervorragend für solch einen gemütlichen Spaziergang durch ein ruhigeres Viertel von Tokyo an. Einem Literatenherz wie dem meinen kommt das sehr entgegen, zumal zwei meiner jap. Lieblingsschriftsteller, 森鴎外 Mori Ōgai und 夏目漱石 Natsume Sōseki, wohl hier in der Nähe gewohnt haben sollen. Aber neben den Cafes gibt es Allerlei in der Gegend zu entdecken, zum Beispiel grüne (s. Bild 2) oder schiefe Häuser (s. Bild 3).

Bild 2. Ein grünes Haus.

Bild 2. Ein grünes Haus.

Bild 3. Der schiefe Turm von ... Nezu?

Bild 3. Der schiefe Turm von … Nezu?

Aber ich möchte nun, nachdem es doch mehr Text geworden ist als geplant, dass die Bilder für sich sprechen.


Dezember

Bild 4. Trotz der Jahreszeit haben wir schönes Wetter am Eingang.

Bild 4. Trotz der Jahreszeit haben wir schönes Wetter am Eingang.

Bild 5. Ein Gang durch's Gelände enthüllt schöne Orte.

Bild 5. Ein Gang durch’s Gelände enthüllt schöne Orte.

Bild 6. Die Torbogenalle vom Anfang. Ich musste mich ducken...

Bild 6. Die Torbogenalle vom Anfang. Ich musste mich ducken…

Bild 7. Und nochmal aus der Nähe.

Bild 7. Und nochmal aus der Nähe.

Bild 8. Der 神楽殿 kaguraden, die Bühne auf der Tänze bei den Festen aufgeführt werden.

Bild 8. Der 神楽殿 kaguraden, die Bühne auf der Tänze bei den Festen aufgeführt werden.

Bild 9. Der Eingang zum 拝殿 haiden, der Gebetshalle im Hintergrund.

Bild 9. Der Eingang zum 拝殿 haiden, der Gebetshalle im Hintergrund.

Bild 10. Der äußere Eingang, 楼門 romon. Immer wieder bin ich ob der Architektur fasziniert.

Bild 10. Der äußere Eingang, 楼門 romon. Immer wieder bin ich ob der Architektur fasziniert.

Bild 11. Ein Schild, das angibt, was alles zu dem Schrein gehört. Beim Azaleenfest nehme ich hier laute Taikoklänge wahr.

Bild 11. Ein Schild, das angibt, was alles zu dem Schrein gehört. Beim Azaleenfest nehme ich hier laute Taikoklänge wahr.



Azaleenfest

Bild 12. Impression vom Azaleenfest I. Viele Leute, aber schön farbenfrohe Umgebung.

Bild 12. Impression vom Azaleenfest I. Viele Leute, aber schön farbenfrohe Umgebung.

Bild 13. Impression vom Azaleenfest II. Einfach nur schön!

Bild 13. Impression vom Azaleenfest II. Einfach nur schön!

Bild 14. Impression vom Azaleenfest III. Rot sind auch die Torbögen...

Bild 14. Impression vom Azaleenfest III. Rot sind auch die Torbögen…



Bonus

Bild 15. Miau!

Bild 15. Miau!



Mumon

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Fußnoten

1 Ich habe es endlich geschafft, eine Karte einzubinden! Hoo ah!

2 Zu dieser Art von Schrein gibt es eine etwas ausführlichere Erklärung im oben verlinkten Beitrag (und zwar hier).

Gegründet wurde der Schrein schon vor ca. 1900 Jahren, damals aber noch im benachbarten 千駄木 Sendagi. Erst der fünfte Shōgun, 徳川綱吉 Tokugawa Tsunayoshi, ließ 1705 den Schrein nach Nezu verlagern, da das vorherige Grundstück im Zuge der Adoption seines Erben (da Tsunayoshi keinen männlichen Nachwuchs hatte), 徳川家宣 Tokugawa Ienobu, gestiftet wurde.

4 Bis zur Meiji-Restauration waren Shintōismus und Buddhismus stark miteinander verflochten (das Phänomen wurde seit der frühen Neuzeit 神仏習合 shinbutsu shūgō, „Shintō-buddhistischer Synkretismus“, genannt), was zum Beispiel dazu führte, dass Tempel und Schreine auf gemeinsamen Grund errichtet wurden und shintoistische Gottheiten, sog. 神 kami, als Manifestation diverser Buddhas verstanden wurden (und umgekehrt).

Mit der in der Meiji-Restauration prävalenten Rückbesinnung auf japanische Wurzeln (denn der Buddhismus wurde, wie jeder weiß, ja im 6. Jh. aus China importiert) und einem damit verbundenen erstarkten Nationalismus fand es die Obrigkeit in Form der Kaiserfamilie jedoch nicht mehr angebracht, den Buddhismus auf gleiche Stufe wie den japanischen Shintōismus gestellt zu sehen.

Da der Shintōismus zudem alle japanischen Schöpfungsmythen enthält, kam das der Kaiserfamilie – die zu der Zeit nach jahrhundertelangen Machteinbußen wieder an die Macht kam – gelegen, ihre Herrschaft durch den göttlichen Ursprung von der Sonnengottheit, 天照大御神 Amaterasu ōmikami, zu legitimieren.

Die Zehn Schreine dienten dann dazu, diese Legitimation dem populus schmackhaft zu machen. Die damit verbundene 十社巡り Jissha meguri („Wallfahrt zu den Zehn Schreinen“) genoss durchaus Popularität, wurde aber über die Zeit hinweg langsam vergessen (zu Teilen auch durch die Zerstörung mancher Schreine im zweiten Weltkrieg).

Seit 1975 gibt es aber Bemühungen der Schreinbetreiber, diese Wallfahrt wieder aufleben zu lassen. Als Besucher eines Schreins erhält man dann ein 絵馬 ema (wörtl. „Pferdebild“, s. hier), das man – nachdem man alle anderen erfolgreich gesammelt hat – auf ein großes ema kleben kann, wie man hier zum Beispiel sehen kann (hm, wo ich das jetzt so sehe, hätte ich das auch gerne…).

  1 Kommentar für “Ein Besuch im Nezu-Schrein (根津神社)

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