Post Idus Martii

Nachdem am 17. Januar dieses Jahres der 20. Jahrestag des Erdbebens von Kōbe (兵庫南部地震 Hyōgo nambu jishin) und am 11. März der vierte Jahrestag des Grossen Erdbebens von Tōhoku (東日本大震災 Higashi nihon daishinsai) waren, ist heute in Japan ein weiterer historischer (Gedenk)tag. Allerdings wird dieser wohl den Wenigsten außerhalb Japans bekannt sein, weswegen ich kurz – neben ein paar Worten zu Fukushima – darauf eingehen möchte.

Es handelt sich dabei um den 20. Jahrestag des Saringasanschlags auf die U-Bahn von Tokyo am 20. März 1995 (地下鉄サリン事件 Chikatetsu sarin jiken), ausgeführt von der neu-religiösen und apokalyptischen Aum-Sekte (オウム真理教 Aum Shinrikyō).

Bevor ich dieses Ereignis näher beleuchte, möchte ich jedoch, wie gesagt, zunächst ein wenig auf Fukushima zu sprechen kommen.


Das Große Erdbeben von Tōhoku

Ich möchte mit diesem Ereignis beginnen, da es weitaus jünger ist, dem westlichen Beobachter eher bekannt ist und zudem noch spür- und sichtbare Folgen hinterlässt.

So zum Beispiel die Tatsache, dass immer noch 2548 Personen als vermisst gelten. Oder die Tatsache, dass Teile der Region nach wie vor zerstört sind.

Und ich schrieb, dass ich Ende Dezember in Fukushima war. Genauer gesagt war ich im zentralen und westlichen Drittel der Präfektur Fukushima. Wie Ihr Euch denken könnt ist es natürlich aber so, dass die AKW an der Ostseite am Meer gelegen sind und dementsprechend die Katastrophe dort ihre verheerendsten Auswirkungen gezeigt hat. Dennoch blieb das Landesinnere nicht verschont.

Zum Beispiel bin ich durch die Orte gefahren, die vom Erdbeben mit am heftigsten betroffen waren. Teilweise wurden bis zu 30% der Gebäude beschädigt oder zerstört (der Fall in 矢吹町 Yabukimachi). Das konnte man den Orten mittlerweile dankenswerterweise nicht mehr in solch einer extremen Form ansehen, aber Bruchstellen, verlassen aussehende Häuser und merkwürdige Leerräume auf Grundstücken gab es nach wie vor.

Zudem befand sich in 白川 Shirakawa die Burg 小峰城 Kominejō – das die nördlichste Satellitenburg der Burg Edo war und eine wichtige Rolle in einem der abschließenden Kämpfe um die Zeit der Meiji-Restauration herum (im sog. 戊辰戦争 Boshin sensō, „Boshin-Krieg“, 1868-1869) gespielt hat – immer noch in Wartungsarbeiten, da die Burgmauern eingebrochen sind (die Konstruktion an sich war zwar auch nicht sehr stabil, aber dafür soll sie in Japan fast einzigartig sein). Die Burg wird aber jetzt zum April wiedereröffnet, wie mir einer der Bauarbeiter vor Ort erklärte.


Ohne Zweifel waren und sind aber die Nachwirkungen im Osten Fukushimas am größten (und in den angrenzenden Präfekturen an der Meeresseite). Nicht nur, dass nach wie vor ein 20km großer Radius um das AKW unzugänglich ist oder dass dort natürlich die Radioaktivitätswerte hoch sind (es werden auch heute noch im lokalen NHK-Sender der Region bei jedem Wetterbericht die Radioaktivitätswerte mitgeteilt).

Vor allem wirtschaftlich und städteplanerisch ist es immer noch eine schwierige Zeit für viele Orte und Menschen. Obwohl zwar 40% der betroffenen Fischerei-Unternehmen wieder mehr als 80% des Umsatzes, den sie vor dem Tsunami hatten, erreichen, hat der Rest häufig das Problem, dass ihre Partner in der Zeit nach dem Tsunami Verträge mit anderen Unternehmen geschlossen haben und daher auf der Strecke bleiben.

Es gibt unter anderem Seminare und Bestrebungen vom 復興庁 Fukkōchō, der Wiederaufbaubehörde, Großunternehmen mit kleinen Fischerei-Unternehmen in Verbindung zu setzen. Des Weiteren wird vielerorts das Konzept der Compact City als Favorit für zukunftsorientierte, langfristige und effiziente Stadtplanung in den betroffenen Regionen gehandelt. (Es gibt an dieser Stelle eigentlich noch mehr zu schreiben, aber das würde den Rahmen sprengen.)

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Ich weiß gar nicht mehr genau, wie ich vor vier Jahren von den ganzen Ereignissen mitbekommen habe. Es geschah gegen 6 Uhr morgens in Deutschland und zu der Zeit ging ich gerade so noch zur Schule und so wurde ich aufgrund meiner Verwandten in Japan dort von Lehrern befragt. Wahrscheinlich wird mir mein Vater direkt am entsprechenden Morgen darüber berichtet haben. 

Wohl weiß ich, dass wir tags darauf mit meinen Großeltern geskypt haben, denen im Kaff außerhalb Tokyos glücklicherweise nichts passiert ist. Bei meinen Verwandten hier in Tokyo mit ihrer Glasverarbeitungsfirma (über der ich wohne) ist wohl etwas passiert, da auch heftige Beben in Tokyo zu spüren waren. Verletzt wurde aber auch hier glücklicherweise niemand, es kam lediglich viel Glas zu Bruch.


Saringasanschlag auf die U-Bahn von Tokyo

Am Morgen des 20. März 1995 kam es zu dem bis heute schwerwiegendsten terroristischen Anschlag auf japanischem Boden. Die religiöse Aum-Sekte hat in einer penibel geplanten Aktion fast zeitgleich in fünf U-Bahnen der Tokyo Metro Sarin freigesetzt.

Der Nervenkampfstoff, der zuletzt durch seinen Einsatz in Syrien in den Medien auftauchte und von den Vereinten Nationen als WMD klassifiziert wird, setzt bei Kontakt mit Sauerstoff ein tödliches Gas frei, das effektiv ein Acetylcholinesterase-Inhibitor ist und zu einer dauerhaften Überstrapazierung der Muskeln führt, die schlimmstenfalls zum Tod durch Asphyxie führt. 

Bei dem Anschlag, der signifikanterweise um 霞ヶ関 Kasumigaseki und 永田町 Nagatachō, dem politischen Zentrum Japans (der letztere Ort, der unweit meiner Uni ist, ist zum Beispiel Sitz des Parlaments), zur Rush-Hour der U-Bahnen ausgeführt wurde, kamen allerdings wundersamerweise „nur“ zwölf Menschen ums Leben; dafür wurden aber mehr als 5000 verletzt.


Die Hauptverantwortlichen sind, wie oben erwähnt, Mitglieder der sogenannten Aum-Sekte gewesen. Die Sekte, 1984 von 麻原彰晃 Asahara Shōkō gegründet, ist eine sich auf die Bibel und chinesische Astrologie berufende religiöse Organisation, die von mehreren Ländern als terroristische Organisation eingestuft wird.

Asahara, der von sich behauptet hat, Jesus zu sein, hat anfangs spirituelle und Yogaklassen angeboten, um Mitglieder anzuwerben und mehrere Bücher verfasst, die neben seinen Glaubensinhalten- und praktiken zu Teilen auch Verschwörungen, den dritten Weltkrieg und den Weltuntergang thematisiert haben.

Interessant – und erschreckend – ist, dass es innerhalb der Aum-Sekte einen Elitekreis aus Absolventen der besten Universitäten Japans, vor allem aus den Fachgebieten der Naturwissenschaften, gab. Zwischen den Zeilen gelesen spielt da eine sehr kritische und pessimistische Haltung gegenüber der japanischen Gesellschaft mit rein, die ich hier allerdings nicht näher thematisieren möchte (s. jedoch Literaturempfehlung unten).

Asahara hatte dabei Experten der Physik und Medizin um sich herum, die die nötigen Kenntnisse hatten, Sarin herzustellen. In den abgelegenen Wohn- und Forschungsanlagen hatten sie zudem genügend Zeit, ihre Pläne zu schmieden. (Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass dieser Plan nur einer sehr kleinen, handerlesenen Gruppe der Aum-Sekte bekannt war.)

Doch dies sollte nicht der erste Zwischenfall sein. Es gab bereits vor 1995 Anschläge, die mit der Sekte in Verbindung gebracht wurden (am gravierendsten im Juni 1994, als sie eine Sarinwolke in der Nachbarschaft von Anwälten, die in einer Immobiliensache gegen die Aum-Sekte vorging, freisetzten; 500 Personen wurden verletzt und sieben starben), sodass die Sekte seit spätestens 1994 unter polizeilicher Beobachtung stand.

Die Täter, die jeweils zwei Pakete flüssiges Sarin – eins davon als Reserve – bei sich führten, kauften sich zunächst an den Bahnhöfen aktuelle Tageszeitungen, in die sie die Pakete einwickeln konnten. Neben den Paketen war ihr wichtigstes Utensil ein an der Spitze geschärfter Schirm, mit dem sie unauffällig das auf dem Boden abgelegte Paket durchlöcherten.


Wie oben erwähnt haben zwölf Menschen den Anschlag nicht überlebt und Tausende wurden verletzt. Da viele jedoch nicht bemerkten, dass sie betroffen waren oder die Symptome (Dunkelheit vor Augen, Atemschwierigkeiten, Übelkeit) für andere Sachen hielten (auch das wird eindrücklich in der Literatur, s. unten, dargelegt), dauerte es recht lange, bis viele überhaupt ins Krankenhaus gingen. Auch leidet heute immer noch ein Teil unter PTSD, der es unangenehm findet, in der U-Bahn zu sein.

Nach dem Anschlag wurde das Hauptquartier der Sekte am Fuße des Fuji von der Polizei gestürmt. Dort fand man chemische Waffen (Mittel um Sarin herzustellen, mit denen man angeblich vier Millionen Menschen hätte umbringen können), biologische Erreger wie Anthrax und Ebola, einen russischen Militärhelikopter, LSD, Millionen von US-Dollar, Gold und Gefangenenzellen.

Eine der trivialeren Folgen des Anschlags ist die Tatsache, dass seitdem in den Haltestellen der Tokyo Metro keine Mülleimer auf den Plattformen mehr vorzufinden sind, da die Täter bei Flucht aus den Bahnen die Reservepakete in und bei den Mülleimern entsorgt haben. Tückischerweise waren es allerdings diese Pakete, die die meisten Todesopfer gefordert haben (hauptsächlich Bahnhofspersonal).

Alle Täter sind mittlerweile festgenommen worden, der letzte von ihnen konnte allerdings erst im Juni 2012 verhaftet werden. Die meisten von ihnen – auch Asahara als Strippenzieher – haben die Todesstrafe erhalten.

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Bild 1. Lokalzeitung: „NO! Aum Shinrikyo – Erneuerung der Beobachtungsmaßnahmen festgelegt“

Seit 1995 hat sich die Mitgliederzahl reduziert, mittlerweile geht man nur noch von ca. 1000 Mitgliedern aus (wie viel es 1995 waren, weiß ich nicht mehr; stand aber meiner Erinnerung zufolge in der Literatur unten). Die Sekte hat sich außerdem in die beiden Organisationen アレフ Aleph und 光の輪 Hikara no Wa („Kreis des Lichts“) aufgeteilt, die nach wie vor als terroristische Organisationen gelten und auch noch von der Polizei überwacht werden (s. Bild 1).

Wie das Bild zeigt, wurde vor kurzem die Verlängerung des Beobachtungszeitraums bekannt gegeben. Das Bild ist von der lokalen Zeitung meines Stadtbezirks, denn Aleph hat seinen Sitz hier. Genauer gesagt, die Straße runter. Weswegen man manchmal Bürgergruppen hört, die per Megaphon demonstrieren. Oder aber man findet Anti-Aum-Fahnen in der Nachbarschaft, so wie heute morgen (s. Bild 2).

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Bild 2. Ich weiß, ich hab’s von der falschen Seite aus fotografiert. Ist mir erst zu Hause aufgefallen.

Zum Schluss möchte ich nun endlich zu der oft erwähnten Literaturempfehlung kommen. 村上春樹 Murakami Haruki hat nämlich 1997 sehr viele Interviews mit Opfern des Anschlages geführt und diese veröffentlicht. Später kamen noch ein paar Interviews mit Aum-Mitgliedern (nicht den Tätern) hinzu.

Diese Auswahl an Interviews wurde unter dem Titel アンダーグラウンド Underground: The Tokyo Sarin Gas Attack and the Japanese Psyche (1997) veröffentlicht. Und auch wenn es eine deutsche Übersetzung davon gibt, so rate ich von der ab, da sie viel weniger Interviews enthält als die englischsprachige, die selbst schon weniger Interviews als das japanische Original enthält. Das Beste ist also eigentlich, das Buch auf Japanisch zu lesen (das steht bei mir noch an; ich habe es nur auf Englisch gelesen; die japanische Fassung habe ich mal zu einem überteuerten Preis in Düsseldorf gesehen; hier habe ich noch gar nicht danach gesucht…).

Neben den sehr interessanten Interviews, die tatsächlich einen Einblick in die Psyche der Japaner bzgl. des Alltags und vor allem der Arbeit geben (ein treffender Untertitel, wer hätte es gedacht), enthält das Buch zum Abschluss einen Essay von Murakami, in dem er Kritik an den jap. Medien bezüglich der Sensationalisierung der Täter übt.

Er kritisiert weiterhin auch die japanische Mentalität, die das Ereignis, nachdem es vorüber war – und je mehr sich die Jahrestage mehren – nur allzu schnell zu einem „Da-war-mal-was“-Ereignis reduziert hat und sich über die tieferliegenden sozialen und moralischen Aspekte (die einzige Moral, die die Japaner nach Murakami zu erkennen fähig waren, war „Gut“ gegen „Böse“) ausschweigt.


So, und abschließend, da ich es heute mit komischen narrativen Brüchen habe, noch die Nachricht, dass bei dem Anschlag auf das Museum in Tunis drei Japaner ums Leben gekommen sind.


Mumon

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