Ein Abend im 寄席 (yose)

Am vorgestrigen Samstag war ich zum ersten Mal in einem 寄席 yose, um mir 落語 rakugo anzuschauen bzw. anzuhören. Worum handelt es sich bei diesen zwei mysteriösen Begriffen, mag sich ein Europäer nun fragen. Um das zu beantworten und um meinem Eindruck vom Samstag Ausdruck zu verleihen, hier ein Kurzabriss.

寄席 yose bezeichnet eine Räumlichkeit, die zur Aufführung von diversen Kunstformen – u.a. rakugo (s.u.) – dient und mittlerweile nur noch in größeren Städten vorzufinden ist. Ursprünglich, zum Beginn der 江戸時代 Edo-Periode (1600-1868), hat man Räume von Tempeln gemietet, um traditionellen Geschichtenerzählern einen Raum zur Aufführung zu geben.

Diese 講談 kōdan genannte Form der Erzählung entsprang der oralen Lehre von hauptsächlich historischen Begebenheiten am Adelshof in der 平安時代 Heian-Periode (794-1185) und hat sich bis hin zur oben erwähnten Edo-Periode so weit verselbstständigt, dass es nun von herrenlosen Samurai (sog. 浪人 rōnin) vor einem gemeinen Publikum vorgetragen wurde.

Aus dem kōdan hat sich dann im Verlaufe der Edo-Periode das 落語 rakugo (wörtl. „(herab)fallende Worte“) herausgebildet, das anfangs noch unter dem Namen 軽口 karukuchi („leichter Mund“, im Sinne einer witzigen Erzählung) bekannt war. 1798 hat sich zudem das erste eigenständige yose (damals noch 寄席場 yoseba, „yose-Ort“) in 浅草 Asakusa – dem Viertel Tokyos, das den größten Altstadt (下町 shitamachi, „Unterstadt“)-Charme versprüht – etabliert, in dem die ersten Vorstufen des rakugo aufgeführt wurden.

Das moderne rakugo hat sich mit Beginn der 明治時代 Meiji-Periode (1868-1912) herausgebildet und hat zum zentralen Inhalt einen Dialog zwischen mindestens zwei Personen, der vom 落語家 rakugoka, dem/der rakugo-Vortragenden, intoniert und rezitiert wird. Charakteristisch ist, dass er/sie die ganze Zeit auf einem Polster (高座 kōza, „hoher Sitz“) in der 正座 seiza-Haltung (s. hier) sitzt und bis auf einen Fächer (扇子 sensu) und ein Tuch (手拭 tenugui) keine weiteren Utensilien nutzt. Die Kunst des Erzählens liegt darin – neben der Fähigkeit, alle Personen distinkt wiederzugeben –, zum Schluss den Monolog unerwartet durch einen sogenannten 落ち ochi („Fall“) zu beenden.

Die Aufführung, die ich gesehen habe, fand in der 浅草演芸ホール Asakusa Engei Hall statt, die zusammen mit dem nebenan befindlichen 東洋館 Tōyōkan („Halle Ostasiens“) künstlerischer Geburtsort zahlreicher japanischer Stand-up-Comedians und Schauspieler ist.

Zu einem Preis von 2300¥ (ca. 19 EUR) für Studenten ging es um 16:40 los und lief ohne Pause bis 21 Uhr. Freies Heraus- und Hineingehen sowie der Konsum von Getränken und Speisen waren jedoch erlaubt. Da ich bereits ab 16:20 in der Halle stand, konnte ich zudem einen guten Platz ergattern.

Die Bühne war nach einem japanischen Zimmer (和室 washitsu) modelliert, mit einer großen Schiebetür (障子 shōji) im Hintergrund und einem 畳 tatami-Boden. Über der Bühne hing eine Reihe von roten 提灯 chōchin-Laternen und an der Kante der Bühne zum Publikum hin erschien ein Mikrofon, das von unten herauffuhr.

Da natürlich die vierstündige Veranstaltung nicht von einem einzigen rakugoka getragen wurde, wechselte die Besetzung immer ca. alle zwanzig Minuten und am Rande der Bühne stand ein Papierständer, auf dem der Name des aktuellen Künstlers geschrieben stand.

Und was wurde aufgeführt? Nun, selbstverständlich ganz viel rakugo (ca. 90% des Programms), das sowohl einige klassische rakugo-Erzählungen beinhaltete wie auch viele modern inspirierte Erzählungen, die zudem auch teilweise aus dem Leben der Künstler gegriffen waren.

Zudem gab es einen Magier-Auftritt1, einen Gitarre-spielenden Erzähler, zwei 漫才 manzai-Acts (Stand-up-Comedy Paare, die in der klassischen Kombination von ボケ boke, dem/der Dümmlichen, und 突っ込み tsukkomi, dem/der Gescheiten, in schneller Reihenfolge Witze und Pointen austauschen) und einen Psaligraphen (Scherenschneider).

Während Letzterer überraschend gut und interessant war, war der Magie-Auftritt nicht der Rede wert. Der Rest war jedoch höchst unterhaltsam und irgendwie auch informativ, vor allem weil auf das Leben als rakugoka und den Vergleich zum 歌舞伎 kabuki-Theater eingegangen wurden.

Und während kabuki auch neben manzai eines meiner nächsten Ziele sein wird, so habe ich den rakugo-Abend vollends genossen. Auch wenn man beachten sollte, dass das Ganze natürlich nur mit sehr guten Japanischkenntnissen zu verstehen ist, habe ich die meisten Wortwitze und Pointen verstanden und für lustig befunden.


Mumon

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Fußnoten

1 „It’s an illusion. A trick is something a whore does for money … or cocaine.“

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