Autoschach

Nein, es geht nicht um Schach mit sich selbst und auch nicht um Schach im Auto – es geht um Schach mit Autos. Vor ein paar Tagen gab es nämlich ein 将棋 Shōgi-Duell der besonderen Art, das auf einem ca. 15.000 mal größeren Feld als üblich ausgetragen wurde. Als passende Spielsteine erwiesen sich dabei natürlich Autos.

Autos „von Toyota“ müsste man korrekterweise hinzufügen, denn es handelte sich dabei um eine gesponserte Kampagne, die … ja, was sollte eigentlich beworben oder gezeigt werden? Ich weiß es nicht und ich glaube auch nicht, dass das von ausschlaggebender Relevanz war, als sie sich ein Baseballstadion dafür angemietet haben.

将棋 Shōgi (wörtl. „Spielbrett des Generals“) ist die japanische Form des Schachspiels, das – wie allseits bekannt – ursprünglich aus Indien (ca. 7. Jh. v. Chr.) stammt. Während das in Europa bekannte Schach seine Form der Variation aus dem arabischen Raum verdankt, hat Japan es irgendwann zwischen dem 10. und 12. Jh. über China erhalten. Im Vergleich zu der in Europa bekannten Spielweise gibt es daher – neben Gemeinsamkeiten – auch ein paar Unterschiede.

Die Bezeichnungen der Figuren (König, Turm, Läufer etc.) sind zwar teilweise mit denen in Europa identisch, jedoch handelt es sich nicht um tatsächliche Figuren, sondern um fünfeckige Steine, auf denen die entsprechenden Schriftzeichen stehen. Farben, die den Spieler markieren, gibt es auch nicht, sodass über die Steinspitze signalisiert wird, wessen welche Steine sind (die Spitze zeigt in Richtung des Gegners).

Die bei weitem interessantesten Unterschiede sind jedoch die folgenden.

Zum einen ist das die Möglichkeit der Beförderung (成駒 narikoma) einer Figur. Und zwar befinden sich auf den Rückseiten der Steine ebenfalls Schriftzeichen, die den beförderten Zustand einer Figur indizieren (aus dem „silbernen General“ wird z.B. der „goldene General“). Eine Beförderung kann im letzten Drittel – es handelt sich standardmäßig um ein 9×9-Feld (ein weiterer Unterschied) – in Richtung des Gegners durch das Umdrehen des Steines stattfinden und zählt als eine eigenständige Bewegung.

Die beförderten Figuren können natürlich anders bewegt werden als ihre unbeförderten Kehrseiten. Der oben erwähnte „silberne General“ zum Beispiel kann normalerweise ein Feld diagonal oder vorwärts vertikal bewegt werden – die Beförderung zum „goldenen General“ hat zur Folge, dass er wie die eigenständige Figur „goldener General“ bewegt werden kann (ein Feld horizontal, vertikal oder vorwärts diagonal).

Die nächste interessante Variation ist die Möglichkeit, besiegte Figuren des Gegners – die vom Spieler einkassiert werden – auf ein freies Feld zu schlagen (打つ utsu, im Englischen heißt es to drop). Dies gilt ebenfalls als eigenständige Bewegung, wird aber noch ein wenig limitiert. Zum Beispiel darf ein Bauer nicht für ein Schachmatt positioniert werden – für ein Schach ist es jedoch erlaubt.

Das Ende gestaltet sich aber demzufolge wieder so, wie es jeder kennt – es endet mit einem Schachmatt.

Und um erneut auf das obige Video zurückzukommen: ich fand es lustig, dass einer der Teilnehmer (羽生善治 Habu Yoshiharu, der die höchste Siegesrate in der Geschichte des Shōgi vorweisen kann und ebenfalls begnadeter Schachspieler ist) Folgendes geäußert haben soll:

„Habu said he wondered if cars could make moves like real chess pieces. After the match, he said he was able to play just like he does on a regular board.“ [1]

Was dabei für mich ein Rätsel darstellt ist, wie und ob die Autos befördert werden konnten (wir erinnern uns: eigentlich dreht man die Steine dafür um). Es kann natürlich sein, dass die oben befestigten Steine umgedreht und wieder auf das Auto gepackt wurden – das kann man bei dem schnellen Vorspulen des Videos jedoch nicht genau erkennen.

Außerdem finde ich es etwas schade, dass das Video mit einem Tilt-Shift-Effekt – gemeinhin als Miniatur– oder Dioramaeffekt bekannt – versehen wurde. Schließlich liegt das Absurde an dem Ganzen ja darin, dass es im Vergleich zu den normalen Spielsteinen riesige Autos in einem Baseballstadion sind, die auf dem Feld bewegt werden – dennoch sehr kurios.


Mumon

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Quellen

[1] http://www3.nhk.or.jp/nhkworld/english/news/20150209_15.html

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