Das Geiseldrama: Verhandlungssache?

Japans Geiselsituation wurde über’s Wochenende ein wenig diffuser – wie ein Homeland–Twist, nur mit dem unschönen Umstand, den man gemeinhin Realität zu nennen pflegt.

Letzte Woche erschien ein Video auf der Seite des Islamischen Staates (IS), in dem ein maskierter Mann mit zwei in orangefarbenen Jumpsuits gekleideten Männern irgendwo in der Wüste zu sehen war. Bei den beiden Männern handelte es sich um 湯川遥菜 Yukawa Haruna und 後藤健二 Gotō Kenji.

Jener ein Söldner, der vergangenen August nach Syrien ging, um ein privates militärisches Unternehmen aufzuziehen, und kurz darauf verschwand. Dieser ein Journalist, der vor ein paar Monaten nach Syrien reiste, um ebenjenen Yukawa Haruna zu befreien und daraufhin ebenfalls verschwand.

Im Video der letzten Woche wurde der japanischen Regierung ein Ultimatum von 72 Stunden gestellt, um 200 Milionen Dollar Lösegeld für die Befreiung der Geiseln zu bezahlen.1 [1] Die Forderung spielte auf einen kürzlich von 安倍晋三 Abe Shinzō angesprochenen Hilfsbeitrag für Länder, die gegen den IS kämpfen, an. Die grundlegende Einstellung der Regierung war es, nicht mit Terroristen zu verhandeln.

Das Ultimatum endete am Freitag um 14:50 Uhr japanischer Zeit, ohne dass sich die Regierung konklusiv geäußert hätte. Auch am nächsten Tag gab es auch von Seiten des IS keine Reaktion, sodass alles ziemlich in der Luft hing. [2] Bis ein weiteres Video erschien. [3]

Darin war eine der Geiseln, Gotō Kenji, zu sehen, die ein Bild nach der angeblichen Exekution der anderen Geisel in Händen hält. Darüber hinaus war nun angeblich Gotō Kenji selbst zu hören, wie er die Forderungen der Geiselnehmer vorträgt.

Die Regierung hält das Bild der Exekution für authentisch [4], es bleiben jedoch auch ein paar Sachen nebulös. So folgende Dinge: 1) das Logo der Medienabteilung des IS ist nicht auf dem Video. 2) Es ist gar kein richtiges Video, sondern nur ein Bild mit zusätzlicher Audiospur. 3) Vor Beginn des „Videos“ ist eine atypische Mitteilung in Form von „Dieses Video wurde der japanischen Regierung zugesandt“ zu sehen, statt des üblichen „wir machen das für Allah“-Verschnittes.

Und der letzte Punkt ist der Twist: 4) das Lösegeld wird gar nicht mehr gefordert. Angeblich „damit sich die japanische Regierung nicht so vorkommt, als würde sie Terroristen finanzieren“. Stattdessen fordert der IS die Entlassung einer in Jordanien zur Todesstrafe verurteilten Frau, Sajida al-Rishawi, die bei einem Selbstmordattentat in Jordanien vor zehn Jahren beteiligt war. [5], [6]

Interessant ist bei dem Ganzen, dass Jordanien selbst wohl schon seit einiger Zeit in Verhandlung mit dem IS steht, diese Frau auszuliefern – und zwar im Gegenzug zu einem jordanischen Piloten, der seit geraumer Zeit vom IS gefangen gehalten wird. Und mehr noch: Abe hat sich bereits letzte Woche – als das erste Video veröffentlicht wurde, als er sich im Nahen Osten aufhielt – mit dem jordanischen König Abdullah II.  getroffen. Zufall oder Verschwörung? Auf jeden Fall Verhandlungssache.


Es überrascht mich weiterhin (positiv), dass in den Medien, die ich hierzulande zu Gesicht bekommen habe, keine panischen Diskussionen oder Meinungsänderungen ob Abes letztjähriger Verfassungsreinterpretation aufgekommen sind.

Wie wir uns erinnern ist es nun möglich, dass sich, je nach konkreter legaler Implementierung, Japan an aktiven militärischen Operationen im Ausland beteiligen kann. Interessanterweise hatte Abe wohl letztes Jahr bereits als eine dieser Operationen ein Geiselszenario erwähnt, bei dem Truppen der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte nach Übersee zur Geiselbefreiung gehen können.

Und schaut man sich an, wie Politiker ja gerne die Tendenz haben, aktuelle terroristische Attacken für ein wenig hergeholte Forderungen auszunutzen, [7] ist davon hier, soweit wie ich das mitbekommen habe, noch nichts zu spüren. Aber das kommt noch…

Was jedoch überrascht, ist die riesengroße (in den Mittagsnachrichten von 14 bis 18 Uhr nimmt das Thema 83% der Sendezeit ein) Berichterstattung darüber an sich, vor allem im Angesicht der Berichterstattungen bei vergangenen Involvierungen japanischer Bürger in terroristischen Akten.

Zum einen liegt das am plötzlich aufgekommenen Zeitfenster von 72 Stunden, der Forderung von Lösegeld und dem ungewissen Ausgang der Situation. Es ging hier schließlich nicht um eine Berichterstattung post facto.

Zum anderen liegt das daran, dass sich die Ausgangslage (zwei Typen gehen nach Syrien und verschwinden) hervorragend dazu eignet, näher auf genau diese Ausgangslage einzugehen. Warum hat die japanische Regierung nichts früher unternommen? Warum sind die beiden überhaupt nach Syrien gegangen?

Man muss betonen, dass viele Japaner auf Seiten der Regierung waren und der Meinung waren, das Lösegeld nicht zu bezahlen. Außerdem kommt häufig der Eindruck auf, dass es zu gewissen Teilen auch die Schuld der Geiseln selbst war – da war dann auch die Pressekonferenz (s. [8]) der Mutter Gotōs nicht hilfreich, in der der Umstand erwähnt wird, dass Gotō zwei Tage vor seiner Ausreise Vater geworden ist und wegen des Versprechens, Yukawa zu befreien, zurückgereist ist. Dennoch, hätte die Regierung früher gehandelt, so kann man argumentieren, so wäre seine Reise nach Syrien gar nicht erst zustande gekommen.2

Die Mutter sagt aus, dass es im zweiten Video nicht ihr Sohn ist, der die Forderungen übermittelt, da sein Englisch eigentlich „besser“ sei. Ich kann dem, auch im Angesicht der oben genannten Punkte, ebenfalls nicht ganz trauen. Ja, aber wer spricht denn dann?

Meine Theorie ist, dass es sich um einen japanischen IS-Anhänger handelt, der im Auftrag des IS die Nachricht aufgenommen und das Video selber erstellt hat, nachdem der IS vielleicht Kenji Goto sogar schon umgebracht hat und dieser demzufolge nicht mehr zur Verfügung stand. Nicht das erfeulichste Ende, aber wahrscheinlich wird es bald schon in der Schublade der unsinnigen Verschwörungen landen.

Mittlerweile geht man auf offizieller Seite davon aus, dass es tatsächlich Gotō ist, den man hört. [9], [10]


Mumon

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Fußnoten

Interessanterweise wurde in den Medien immer von 72 Stunden, nachdem die Regierung das Video zum ersten Mal gesehen hatte, ausgegangen. Ich weiß, es wäre genau so komisch, würde der IS von 72 Stunden nach Upload ausgehen, ohne sich halbwegs sicher zu sein, dass das Video jemand gesehen hat (obwohl da natürlich jemand irgendwo auf „Senden“ gedrückt haben dürfte…), aber dennoch: Wie berechnet man korrekt den Beginn eines solchen vag und digital veröffentlichten Ultimatums?

Bei all dem Bericht-erstatten, das hier vonstatten geht, habe ich an keiner Stelle mitbekommen, ob die japanische Regierung und wenn nein, warum sie nicht wusste, dass zwei ihrer Bürger seit mehreren Monaten in einem der seit neuestem heftigsten Krisengebiete der Erde verschwunden waren. Und wenn sie es doch wussten, stellt sich die Frage aus dem Haupttext. 


Quellen

[1] http://www.japanherald.com/index.php/sid/229662371

[2] http://www.japanherald.com/index.php/sid/229637383

[3] http://newsonjapan.com/html/newsdesk/article/111115.php

[4] http://www.japanherald.com/index.php/sid/229679711

[5] http://newsonjapan.com/html/newsdesk/article/111119.php

[6] http://edition.cnn.com/2015/01/24/world/isis-jordan-sajida-al-rishawi/index.html

[7] http://www.theguardian.com/uk-news/2015/jan/12/david-cameron-pledges-anti-terror-law-internet-paris-attacks-nick-clegg

[8] http://www.aljazeera.com/news/asia-pacific/2015/01/japanese-hostage-enemy-muslims-150123030358038.html

[9] http://newsonjapan.com/html/newsdesk/article/111129.php

[10] http://newsonjapan.com/html/newsdesk/article/111127.php

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