Auf einer dunklen Straße

V. In media res

Scheiße. Mir ist zum Kotzen. Die Kopfschmerzen haben auch kein bisschen nachgelassen. Der Wind zieht stark durch die Gegend, die Wolken über und unter uns kündigen heftigen Regen an. Ich friere im Pyjama. Mich umzuziehen wäre jedoch zwecklos, da meine anderen Sachen alle bis zur letzten Faser durchnässt sind.
    Drinnen, in der Hütte – sie verdient diesen zwar Namen eigentlich nicht… –, konnte ich es nicht länger ertragen. Die Luft, durchsetzt vom Schweiß und der dahinsiechenden Hoffnung unzähliger anderer Mitwanderer, schnürte mir unerbittlich die Kehle weiter zu. Das ist hier draußen, auf 3450 Metern Höhe, nur leicht besser. Aber es ist besser. Und nur das zählt. Tief einatmen und langsam ausatmen. Tief einatmen, langsam ausatmen… Einatmen……… Ausatmen………… Ich brauche mehr Luft zum Atmen: mehr, mehr, mehr! Genauso wie ich mir einredete, auf diesem Berg schneller in die Höhe wandern zu müssen. Der Wunsch nach diesem „mehr“ – auch an Erfahrung – trieb mich hierhin. Dennoch: ich wollte das ja unbedingt. Eine endgültige Beurteilung bleibt zwar noch aus, aber die momentane Ambiguität der Situation lässt mich erschaudern. Das habe ich nun davon. Nüchtern betrachtet ist mir zum Kotzen und es hat mich mehr als ein hundert Euro gekostet. Schon Schiller sagte: „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“
    Es beginnt zu regnen. Ich sehe jedoch der Tatsache ins Auge, dass ich noch etwas länger hier draußen bleiben muss, damit sich mein Körper beruhigt. Manch anderer huscht durch den Regen an mir vorbei Richtung Toilette. Ich setze mich auf die Bank. Vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt um zu erklären, warum ich hier bin.


Tag 1 – Mittwoch, 27. August

I. Im Anfang war der Stolz

Für Proviant wollten wir erst auf dem Weg sorgen, sodass mein Gepäck bei der Abreise am Morgen, neben der in Anbetracht der 24 Grad Außentemperatur lächerlich warmen Kleidung (T-Shirt, Wollpullover, Daunenjacke, Jeans, Wollsocken, Winterstiefel), hauptsächlich aus Regenjacke, Pyjama, Handtuch, Wasser, Portemonnaie und Kamera bestand. Es ging also gegen halb neun aus dem Haus mit dem Bus nach 川口 Kawaguchi, wo wir uns um die Nahrungsbeschaffung kümmerten. Wir perfektionierten die Kunst, mit möglichst wenigen Produkten möglichst viele kcal zu erwerben. Dementsprechend ist viel Schokolade in unseren Taschen gelandet. Auch wenn es ein wichtiger, objektiv betrachtet vielleicht sogar der zentrale, Punkt war, so war das Essen jedoch in diesem Moment nicht unser Hauptanliegen. Heute morgen ging es einer Person aus unserer Gruppe schlecht und leichte Krankheitssymptome machten sich bemerkbar, sodass auf dem weiteren Weg nach 新宿 Shinjuku mögliche Handlungsoptionen durchgegangen wurden – für den Fall, dass sich der gesundheitliche Zustand verschlechtern sollte. Dass ich jedoch später der eigentliche eingebildete Kranke sein sollte, konnte ich nicht ahnen.
    Um 9:30 Uhr, zehn Minuten vor geplanter Abfahrt des Busses, waren wir in Sichtweite der Haltestelle. Mit der Reservierung in meiner Hand ging ich zu dem Schaffner, der mich darauf hinwies, dass die Reservierung an einem Schalter in Fahrkarten eingetauscht werden müsse. Hektisch begaben wir uns in die direkt daneben befindliche Filiale und panisch wurde mir zumute, als ich die Schlange von sieben Leuten am Schalter sah. Es waren nur noch fünf Minuten. Eine freundliche Mitarbeiterin kam jedoch auf mich zu und meinte, dass ich die Fahrkarten auch an einem Automaten erwerben könne. Ich gab also die Reservierungsnummer ein und bezahlte – zu unserem Glück, wie sich später herausstellen sollte – den fälligen Betrag per Kreditkarte.
    Mit einem Gefühl der Sicherheit konnten wir uns endlich auf den Weg machen. Wir hatten drei Plätze in der zweiten Reihe und vor uns waren nur ein älteres japanisches Ehepaar und ein amerikanischer Tourist, der – betrunken oder verkatert – eine leere Zweierbank in Beschlag nahm und sich schlafen legte. Ich tat ihm gleich, mit der Ausnahme, dass ich mit meinen Schuhen nicht den Hemdärmel des japanischen Herren auf der anderen Seite des Ganges verschmutzte. Nein, ich schlief aufrecht.
    Der Aufruhr des Morgens dämmerte mit dem ausklingenden Schlaf dahin und es schien nicht nur mir, sondern auch den anderen beiden wieder besser zu gehen. Die Symptome waren verschwunden, als wir auf der fünften Station des 富士山 Fujisan ankamen. Denn hier auf diesem heiligen aller Berge, den die UNESCO seit diesem Jahr würdigt, sollte unsere Weltkulturerbetour enden.


II. Der Fall in die Höhe

Und jedes Ende hat einen Anfang. Japan hält bekanntlich nämlich immer ein paar Überraschungen bereit. Obwohl wir im Laufe unserer Besteigung noch ein paar ebensolcher erleben sollten, gab es die erste bereits um kurz nach 12 Uhr, als wir auf 2290 Metern Höhe aus dem Bus in die Kühle ausstiegen. Neben dem diesigen Wetter begrüßten uns eine große Menge an vor allem asiatischen Frauen, die ohne Strumpfhosen in Hotpants und Röcken bei 11 °C herumliefen. Ungeachtet dessen suchten wir einen Laden auf, um uns noch kurz aufzufrischen und ein provisorisches Mittagessen zu uns zu nehmen. Die Wahl fiel auf das nahe liegende Restaurant-, Unterkunfts- und Geschäftsgebäude, bei dessen Gepäckablage wir die erste Schokolade öffneten.
    Nachdem wir danach noch an einem der Automaten auf dem zentralen Platz eine Wasserflasche gekauft hatten, suchten wir den Beginn der sogenannten Yoshida Trail, einer der populärsten Routen hier auf dem Berg. Man konnte sie zum Glück nicht verfehlen, denn der Zugang befand sich direkt neben der Informationshütte. Als wir etwas unschlüssig davor stehenblieben, sprach uns eine Dame an und bat uns, sie nach drinnen zu begleiten, um uns Sicherheitshinweise und eine Karte zu übergeben. Bei der Gelegenheit fragte ich, ob es möglich sei, hier noch irgendwo Geld abzuheben, denn auch wenn wir auf einem Berg waren, so waren wir immer noch auf einem Berg in Japan. Und irgendwie glaubte ich auch, mit dieser Erwartung dem touristischen Zuvorkommen Rechnung zu tragen.
    Dennoch folgte die zweite Überraschung prompt: es gibt auf dem Berg keinen ATM. Das heißt, wir saßen auf unserem Bargeld – das, wie bereits angedeutet, glücklicherweise noch vorhanden war. Mit den 16.000¥ in meiner Tasche, die genau für die Berghütte reichten, und den 100X¥, die meine Begleiter bei sich führten, waren wir einerseits erleichtert, andererseits aber auch machtlos, uns weiteres Proviant und vor allem Wasser zu besorgen. Aber wer braucht schon Geld?, dachten wir naiv und dennoch wussten wir, aus dem Infohaus getreten und die ersten Schritte Richtung Yoshida Trail setzend, galant ob der finanziellen Situation zu vermeiden, 1000¥ pro Person an halb-freiwilligen Instandhaltungsspenden beizutragen. Es konnte also endlich, um 12:45 Uhr, losgehen!
    Wir gelangten an Pferden vorbei auf einen mit großen Steinen ausgelegten Weg, der durch prächtige, schiefe Bäume führte, als wir dort unseren Amerikaner aus dem Bus erblickten. Wir grüßten einander kurz, bevor wieder jeder seines Weges ging. Wir wurden auf einen von einem Nebelzelt umgebenen Weg geführt, dessen Aussicht nach links hinunter an wetterfreundlicheren Tagen sicherlich sehenswert gewesen wäre – nichtsdestoweniger war es atmosphärisch genug, nie den Weg weit in die Ferne überblicken zu können. Es zog sich, auf schotternem Weg, eine Weile so weiter, durch eine überdachte Tunnelanlage parallel zum Weg hinauf, bis wir endlich unsere erste 170°-Kurve erreichten, die zeitgleich Ruheort für mehrere Wandergruppen und Wanderer war. Letztere unterschieden sich von den Gruppentieren dadurch, dass sie in der Regel nagelneue, helle Holzstöcke mit sich führten, die im Laufe der Besteigung mit immer mehr Medaillen der einzelnen Stationen geziert werden sollten – lächerlich.
    Wir wurden noch darauf hingewiesen, dass sich dort zudem die Rettungsstation befinde – für alle Fälle. Es ging kurze, nur ca. 150 Meter lange Abschnitte im Zickzack hinauf. Bei noch guter körperlicher Verfassung erreichten wir bald schon die sechste Station. Die Wasserpreise von 200¥ pro 0.5 Liter Flasche haben sich bis dorthin nicht geändert. Hunger machte sich bemerkbar, sodass die Anderen ihr verbliebenes Geld in Augenschein nahmen, allerdings resigniert feststellen mussten, dass nur eine Person den Hunger gestillt sehen konnte. Dabei kam bei der Bestellung eine junge Japanerin auf sie zu, die auf Deutsch fragte: „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Wie sich herausstellte, war sie eine Germanistikstudentin und zwar interessanterweise an der Uni, an der ich in vier Wochen anfangen werde zu studieren. Nach dem Gespräch, das ich mit ihr führte, während die heißen Cupnudeln von meinem Begleiter verzehrt wurden, setzte sie mit ihren Freunden den Weg fort. Ich setzte mich und trank etwas, bevor auch wir unseren Weg mit Gravität fortsetzen konnten.
    Denn der tatsächliche Aufstieg sollte erst beginnen. Breite Wege führten uns in die Höhe, mit immer kleiner werdenden Intervallen zwischen den Pausen. Der Schotterweg war kurz vor der siebten Station nur noch aufgrund der Bezaunung als solcher zu erkennen – mittlerweile hatte uns nämlich auch die letzte Flora verlassen. Wolken verdeckten den Himmel, doch wir sahen, dass sich die Hütten noch viel weiter in der Höhe verteilten. Denn waren wir auch unter Wolken, dunkel war es nicht – wir befanden uns zudem gleichzeitig über anderen Wolken, die auf ca. 2000 Metern Höhe uns zwar der Sicht auf die Landschaft beraubten, jedoch einen Teppich im Horizont ausbreiteten, auf dem ich nur zu gerne gewandelt wäre; an einer anderen Kante des Berges lugte weiterhin ein Häuschen auf einer Art Bergterrasse durch die Wolken hinauf. Das war ein toller Anblick. Wie auf einem fremden Planeten marschierten wir zwischen großen Wänden und dem Abhang auf noch festen Beinen, an alten wie an jungen Menschen vorbei, in Richtung Bergesspitze. Wir konnten sie nicht sehen, aber wir wussten, dass sie dort oben ist. Ab und zu tauschten wir freundliche Worte mit anderen aus; die meiste Zeit jedoch beschränkten sich unsere Gespräche auf uns drei und unser Inneres.
    Zunächst die Leute belächelnd und ob des Geldes dafür auch zu Teilen beneidend, sahen wir viele Wanderer mit Sauerstofffläschchen. Mit 2500¥ waren solche allerdings weit über unserer Preisklasse, wie wir bereits auf der fünften Station feststellen mussten. Und mittlerweile zahlte man sogar 300¥ für eine Wasserflasche. Erschwerend kam hinzu, dass jeder Toilettengang auch noch mit 200¥ zu Buche schlug – und Alternativen gibt es nun einmal auf einem großen, blickdurchlässigen Berg nicht. Immerhin gab uns das Wetter ein wenig Optimismus, denn es klarte auf und wir wurden daran erinnert, dass es noch einen blauen Himmel gibt; und dass uns unser Ziel immer näher ist.
    Mit uns – trotz der bemerkbaren Anstrengung – ging auch unsere Stimmung bergauf. Wir fingen an, schlechte Witze zu erzählen und alles lustig zu finden – als wären wir high oder hingen an einer Flasche Lachgas. Wir verdingten uns die Zeit mit Reimen auf die Namen berühmter Personen (in Anlehnung an Community) wie „Achten Sie aber nicht so sehr auf das Geröll, / das irritiert Sie nur, Herr Böll.“ und pseudophilosophischen amerikanischen Truppenliedern (einer singt vor, die anderen singen nach) wie „Afterlife is just not real / metaphysics is the deal.“ oder „I met a girl from Idaho / unfortunately she said no.“ Wir sind nie über zwei Verse gekommen.
    Jedoch waren das die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit. Ich begann sogar noch darüber zu reflektieren, warum wir auf einmal über alles und jeden lachen mussten, aber alleine eine Reflexion war schon pessimistisch (d.h. tiefsinnig) genug, um mir das Denken wieder aus dem Kopf zu schlagen. Ich redete mir stattdessen lieber ein, dass die Gewöhnung an die dünne Luft doch nicht so schlimm sei, dass Geld hier auf dem Berg keine Rolle spiele und dass wir es problemlos bis nach oben schaffen würden. Wenn es schließlich kleinen Knirpsen und alten Greisen gelingt, diesen Berg zu bezwingen, so sollte das für uns ein Leichtes sein, nicht wahr? Zudem glaubte ich den Neid anderer, die dieses Erlebnis nicht hatten, sicher. Wie viele, die man kennt, können schließlich von sich behaupten, den Fuji bestiegen zu haben? Zumal es noch nicht einmal ausreicht, dass man nach Japan fliegt; es ist auch schließlich wichtig, wann man nach Japan fliegt.


III. Wo bleibt Vergil?

Ja, wir waren vielleicht etwas von uns selbst eingenommen – oder zumindest ich, denn meine Begeisterung für das ganze Unterfangen wurde nicht zu jedem Zeitpunkt geteilt. Dennoch waren wir guter Dinge, als wir die Stationen passierten. Wir kamen an Wasserflaschen vorbei, die 300¥, dann 400¥ und schlussendlich 500¥ kosteten. Mit den Preisen stieg der Höhenzähler, es folgten gefühlt hunderte Plattformen, auf denen rustikale Holzhütten Wanderern ihren Schutz anboten. Es dauerte eine Weile bis wir uns auf 3000 Metern befanden, aber dieser Einschnitt schien uns wichtig. Jedoch war dies auch ein im anderen Sinne bedeutender Einschnitt, denn dort äußerten sich stärkere Kopfschmerzen bei einem meiner Begleiter. Der Gemeinschaftssinn wurde hier stark auf die Probe gestellt, da wir natürlich Rücksicht nehmen mussten, gleichzeitig aber unser Ziel nicht aus den Augen verlieren durften. Die Pausen nahmen zu – zwar kam uns das allen zugute, jedoch wurde es natürlich mit zunehmender Höhe auch immer kälter: die Pausen durften also nicht zu lange dauern.
    Die Wege wurden enger und steiler, bis wir an großen Steinen heraufklettern mussten. Eine Bergbesteigung im wahrsten Sinne des Wortes: damit hatte ich nicht gerechnet, zumal es immer hieß, dass der Fuji auch für Anfänger geeignet sei. Nun denn, im „Klettermodus“ setzte ich mit ein wenig deplatzierter Entzückung meinen Aufstieg fort. Bis es mich dann auch auf ca. 3100 Metern traf – ich spürte dumpfe Kopfschmerzen. Die lachgasähnliche Fröhlichkeit war nun schlagartig ein Relikt der Vergangenheit. Plötzlich kroch in mir eine Wut herauf, eine Wut auf mich, dass ich das hätte besser einplanen können. Wären wir doch den Aufstieg langsamer angegangen – vielleicht hätten wir uns besser an die Luft gewöhnt? Hätten wir doch mehr Geld bei uns gehabt – vielleicht hätten uns mehr Wasserflaschen oder eine Sauerstoffflasche geholfen? Doch allzu lange war für diese Gedanken keine Zeit, durch’s Stehenbleiben ist schließlich selten jemand vorangekommen.
    Wir zogen uns mit letzten Kräften herauf. Das Geld reichte noch nicht einmal für Toilettengänge und uns blieb nichts anderes, als den Weg weiter zu bestreiten. Denn zu allem Überfluss begann es auch noch zu regnen. Mein Regencape überziehend und mit einem falschen Grinsen auf den Lippen – denn eigentlich mag ich den Regen, aber davon konnte ich mich in jenem Augenblick nicht überzeugen – blickte ich von einer Treppe bei der achten Station auf die Anderen, die sich an einer Bank neben einer Berghütte umzogen, mit dem den Berg umgebenden, nebelverhangenen Äther im Hintergrund. Dunkelheit zog über uns her, als wir weiterzogen. Auf feuchten Steinen balancierend hieß es, den Glauben daran nicht zu verlieren, dass das Ziel nicht mehr weit ist. Auf der achteinhalbten Station wartete nämlich die Berghütte auf uns. Nach oben blickend fragte ich mich, wann dieses Elend denn ein Ende nehmen sollte, denn die Kopfschmerzen wurden stärker und meine Kondition dümpelte auch vor sich hin.
    Die Wut wich einem Pessimismus, der die gesamte Luft zu durchdringen schien. Diese Koyaanisqatsi-Stimmung manifestierte sich sogar in unseren Gesichtsausdrücken. Obwohl die Handlungsoptionen sehr einfach waren, fühlte ich mich in diesem Moment ratlos. Sollten wir aufgeben? Oder weiter voranschreiten und uns der unvorhersehbaren Nacht entgegenstellen? Wie sehr wäre ein Begleiter in Form eines Vergilius wünschenswert gewesen… Ohne Ratschläge zu erhalten setzten wir unser Unterfangen fort. Immer wieder Pausen machend, die bald aufgrund der mit der Kälte verbundenen Kürze kaum mehr richtige Pausen waren, stiegen wir in die Höhe. Die Füße trugen mich fast automatisiert immer nur ein Stückchen weiter nach vorne – ich konnte nicht mehr klar denken. Wann sind wir da? Wie viele solcher Hütten der falschen Hoffnung sollen wir noch passieren?
    Die Erlösung kam so überraschend, wie man es sich kaum hätte denken können. Es ging erneut eine Treppe hinauf, da begrüßte uns auf einmal das Schild 御来光館 Goraikōkan – unsere Berghütte. Wir hatten es also geschafft. Nach knapp fünf Stunden waren wir endlich an der achteinhalbten Station angekommen, der letzten Station, auf der es überhaupt noch eine Berghütte gibt. Erleichtert blickten wir uns an, stießen einen heiseren Freudenruf heraus und machten uns bereit, die Hütte zu betreten. Angemessener wäre es nur noch gewesen, hätte folgendes ergänzendes Schild uns ebenfalls begrüßt: „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!“


IV. Für eine Handvoll Yen

In der Hütte wurde zunächst die Bezahlung in Angriff genommen. Mit anderen Worten war damit fast all unser Geld weg. Ich hatte vielleicht noch 300¥ und meine Begleiter auch nicht mehr als das. Uns wurden Tüten gegeben, in denen wir unsere Klamotten aufbewahren sollten. Einerseits war es eine willkommene Abwechslung, sich von den nassen Schuhen und Jacken zu trennen, andererseits war der Vorraum auch nicht sonderlich geheizt, zumal bei der Vielzahl an Leuten die Tür eigentlich kaum geschlossen blieb. Wir wurden in den Schlafsaal begleitet, in dem sich auf zwei Gänge vier große „Betteinheiten“ verteilten. Es handelte sich dabei um Doppelbettkonstruktionen mit dem bedeutenden Unterschied, dass in ein „Bett“ – das nämlich von der einen Wand bis zur gegenüberliegenden reichte – ca. 16 Personen nebeneinander passten.
    Ich weiß nicht, ob zunächst Verwunderung oder sardonische Verzückung mein Gebären bestimmte, aber der Anblick war wirklich skurril. Dass auch kaum Licht aufgrund mangelnder Fenster und der spärlichen Beleuchtung in diesen Raum drang, trug sein Übriges dazu bei. Wir bekamen im rechten Gang sehr weit hinten, auf der rechten Seite, unsere Plätze zugewiesen. Es waren drei Plätze auf der oberen Etage und an den Holzpfeilern, die das absenkende hohe Dach unterstützten, konnten wir unser Gepäck und unsere Kleidung hinhängen. Uns wurde erklärt, dass die Schlafreihung weiblich an weiblich, männlich an männlich vorsieht – die Grenzen wurden wohl bei den Paaren gezogen.
     Erst nachdem uns der Hüttenmensch verlassen hatte, wurde uns das volle Ausmaß bewusst: es gab eine Decke für zwei Personen; man hatte nur 60 cm Platz für sich; und die Länge war für mich auch nicht ausreichend. Ich überlegte, dass ich das unhandliche Kieskissen also so auf der Bettkante justieren muss, dass es nicht irgendwann zufällig auf den Boden fällt. Denn das wäre fatal. Auch wenn ich es eigentlich mag, unterm Dach zu schlafen, so konnte ich mich hier nicht ganz wohlfühlen. Aber noch hatten wir ein wenig Platz. Wir deponierten also unser Gepäck unter der Decke und zogen uns Bequemeres an. Ich befand mich mittlerweile bei den Trägen, nein, ich war einer von ihnen, denn zu viel mehr sah ich mich nicht mehr an diesem Tag befähigt.
    Es bot sich dennoch an, die Hütte ein wenig zu erkunden, hauptsächlich jedoch, um die Toilette aufzusuchen, denn um Geld zu sparen, hatte ich es bis hierhin ausgehalten. Als ich mich erneut in den Vorraum begab, merkte ich erst richtig, wie dumpf meine Wahrnehmung geworden war. Es fühlte sich so an wie nach einem kurzen Schlaf im Flugzeug, nur beschissener, zumal die Kopfschmerzen nicht nachließen und mich überall hin begleiteten. Bei der Frage nach der Toilette wurde ich zudem auf eine Gebühr von 200¥ hingewiesen – immerhin für eine wiederholte Nutzung. Ich holte also ein wenig Kleingeld und meinen Pullover aus dem Saal, zog letzteren über und trat nach draußen. Rechts befand sich die Treppe, über die wir angekommen waren und links den schmalen Weg weiter, an einer langen Außenbank vorbei, ging es zur Toilette. Sie war von dem Hauptgebäude separiert und auf dem Weg dorthin sah ich, dass im Zwischenraum nur eine mickrige Überdachung zwischen den jeweiligen Türen beide Gebäude verband.
    Die Tür öffnend roch es nach einer Mischung aus Rastplatztoilette und Schwefelbad. Ein kleines, handgeschriebenes Schild über dem Waschbecken wies darauf hin, dass aus Spargründen das Wasser mit irgendeinem natürlichen Mittel gereinigt werde, weshalb man sich nicht über die Farbe wundern solle. Was anderes, als damit zu leben, blieb mir nicht übrig. Auf der anderen Seite war ich auch schon resigniert genug, dass es mich kaum interessierte. Ich sah, dass es rechts zu den Frauen, links zu den Männern ging. Dort sah ich auch die kleine Spendenbox für die Toilettennutzung. Ohne zu zögern kramte ich die paar kleinen Münzen aus der Tasche hervor und quetschte ca. 153¥ in die Dose, damit ich mich guten Gewissens auf’s Klo begeben konnte.
    Nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte und im Begriff war zu gehen, überkam mich ein Übelkeits- und Schwächegefühl. Ich ging erneut in eine der Kabinen und blieb stehen. Jetzt zu kotzen oder nicht war nicht der springende Punkt, es ging zunächst einmal nur darum, ob ich mich überhaupt auf den Beinen halten konnte. Ich atmete also tief ein – das auf diesem Klo zu machen, ist ein wenig ironisch, nicht wahr? – und dachte nur daran, dass das Wasser zum Abspülen ja eh eine ähnliche Farbe hatte. Es legte sich daraufhin jedoch zum Glück ein wenig. Das Atmen an sich fiel mir zwar nicht leichter, aber ich sah mich doch wenigstens dazu in der Lage – so dachte ich –, mich schlafen zu legen. Die Nachtruhe stand kurz bevor.
    Ich begab mich also zurück in den Schlafsaal und verabschiedete mich für die Nacht von den Anderen und legte mich hin. Mittlerweile hatten drei Damen die Plätze zu unserer Linken bis an die Wand eingenommen. Die Sardinendose war gefüllt. Zunächst an Banalitäten denkend, ging irgendwann das spärliche Licht aus. Ausgerechnet in diesem Moment mussten natürlich alle Koreaner dieser Welt den Raum betreten (ob sie erst jetzt ankamen oder nur aus dem Vorraum kamen, konnte ich nicht hören) und lärmend ihre Plätze beziehen. Das wäre nur halb so dramatisch gewesen, wenn sie denn wenigstens nach fünf oder zehn Minuten Ruhe gegeben hätten. Aber nein, man begrüßte sich ja noch untereinander und klatschte und tratschte, ohne die Stimme zu senken, munter weiter. Jedoch wurde mir in diesem Moment auch das Röcheln und Husten manch anderer Wanderer bewusst – es gab also Leidensgenossen. Für meinen Teil hoffte ich zwar, dass ich wenigstens von elektrischen Schafen träumen konnte, aber es fühlte sich dennoch gut an, nicht alleine zu sein.
    Nachdem halbwegs Ruhe eingekehrt war, musste ich mich allerdings schon einer anderen, weit penetranteren Störpartei widmen: der Haut, in der ich wohne. Ich drehte mich und drehte mich. Die Übelkeit überkam mich erneut. Ich hob meinen Kopf, ich senkte ihn. Das Atmen fiel mir immer schwerer. Egal woran ich dachte, immer kam ich auf die antizipierte Scham zurück, der ich mich beim Erbrechen ausgesetzt gesehen hätte. Des Kaisers neuer Geist wäre also bitter nötig gewesen, denn mit dieser Einstellung konnte ich es wohl nicht länger aushalten. Ich musste raus.


VI. Ein Mann der schläft

Auf 3450 Metern Höhe mit Anzeichen der Höhenkrankheit – das ist schon ein Ding. Nachdem allerdings nun zwanzig Minuten vergangen sind, geht es mir jetzt wieder ganz passabel. Man könnte einwenden, dass ich zum Stärken der Kräfte etwas essen sollte, habe ich es doch über den Tag verteilt nur sporadisch in Angriff genommen; dennoch werde ich wohl nichts essen. Nur zu gerne würde ich zwar all unser Restproviant verzehren, denn dass ich Hunger habe, ist nicht zu leugnen; allerdings weiß ich, dass es mir sowohl jetzt nicht gut bekommen würde, als auch, dass ich dann nichts mehr am morgigen Tag hätte. Mit gefesseltem Gaumen ist es also die beste Entscheidung, endgültig den Schlaf aufzusuchen.
    Ich gehe rein und blicke durch den Vorraum. Manchen sieht man ihre Erschöpfung deutlich an, manch andere sind jedoch überraschend gut drauf. Viel Acht gebe ich darauf jedoch nicht mehr, denn ich ziehe mich in den finsteren Schlafsaal zurück und lege mich hin. Ich positioniere noch das Kopfkissen auf der Kante und befinde mich in dieser Sardinendose eingeengt zwischen einem meiner Begleiter und einem taiwanesischen Ehemann, der sich im Bette drehend zur Ruhe wiegt und dem es dabei allzu gemütlich geht, urteilt man nach seiner jovialen Art zu gähnen.
    Plötzlich stürzt heftiger Regen herab. Auf das Holzdach niederprasselnd stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn das Wasser in den Schlafsaal sickern würde. Realistisch gesehen wird das zwar nicht passieren, aber die Hoffnung auf einen Sonnenaufgang vom Gipfel aus sinkt hiermit drastisch. Mit einem Funken Optimismus stelle ich jedoch meinen Wecker auf 3:30 Uhr, denn so könnten wir den planmäßigen Sonnenaufgang um 5 Uhr erleben. So sehr der Regen aber diese Erwartung mit Dunkelheit überschattet, so sehr hat er auch etwas beruhigendes. War er eben, als ich draußen war, eher noch wie der schwache Gesang der Polyhymnia, umhüllt mich sein Klang nun wie der sanfte Busen der Aphrodite. Mit Gedanken, warum und für wen ich das hier eigentlich mache – wie falsch diese Legitimationen auch sein mögen –, beginnt der Schlaf langsam, mich in seine Welt mitzunehmen. Gute Nacht, und es erklingt Schubert in meinem Kopf…

    Bewegung, Aufruhr. Es wird langsam lauter. Und das nicht nur, weil ich aufwache. Warum? Was ist los? Bevor ich meine Aufmerksamkeit darauf lenke, wird mir kurz bewusst, dass ich tatsächlich geschlafen habe, sonst wäre das Ganze nicht so unangenehm. Komisch, dass ich mich dennoch darüber so freue. Ich blicke auf die Uhr: 1:40 Uhr. Ich habe also ca. dreieinhalb Stunden geschlafen. Mir geht es zwar besser, was aber nichts daran ändert, verwundert und ein wenig verärgert über die Unruhe zu sein. Ich bemerke, dass sich der ganze Korps an Koreanern sowie unsere drei Nachbarinnen zur Linken bereit machen. Wollen die etwa jetzt schon in Richtung Gipfel losmarschieren? Ein wenig früh, aber solange sie zügig herausgehen und ich weiterschlafen kann, ist mir das egal. Meine Begleiter scheinen dabei auch (halb)wach geworden zu sein – zumindest ergreifen sie die Gelegenheit und rücken näher zur Wand, da wir nun endlich mehr Freiraum haben. Worte werden jedoch keine ausgetauscht. Nachdem das Spektakel gegen zwei Uhr zu Ende ist, widme ich mich wieder meinem Schlaf. Wie schnell ich jetzt wohl–

    Das Handy vibriert – der Wecker. Es ist 3:30 Uhr und ich raffe mich auf. Überraschend, wie nützlich der Schlaf sein kann: mit fortgeschrittener Uhrzeit scheint auch mein Tatendrang wieder fortgeschrittener zu sein. Jetzt müssen nur noch die Anderen aufstehen. Ich drehe mich nach links und sehe, dass die Anderen den Platz bis zur Wand voll ausgenutzt haben, indem sie sich quer hingelegt haben. Zunächst rufe ich leise ihre Namen aus – keine Reaktion. Ich wiederhole sie und werde ein wenig lauter. Immer noch nichts. Um die anderen Gäste nicht zu wecken, rüttele ich ein wenig an ihnen – keine Reaktion. Auch nach stärkerem Rütteln tut sich nichts, sodass ich überlege, was ich nun machen soll.
    Jetzt aufzustehen ist die einzige Möglichkeit, den Sonnenaufgang vom Gipfel aus zu sehen. Dafür sind wir (zumindest ich) schließlich hierher gekommen. Auf der anderen Seite habe ich das aufgrund des vergangenen Regens stark berechtigte Gefühl, dass es überhaupt nichts zu sehen gibt. Ein bisschen lasse ich mir diese beiden Gedanken auf meiner inneren Zunge zergehen, bis ich mich schließlich dagegen entscheide, die Anderen zu wecken. Was für ein Recht habe ich schließlich, sie ihrem Schlaf zu entreißen, den sie doch für den restlichen Tag brauchen und wo ich doch nicht weiß, wie lange sie sich überhaupt ausruhen konnten? Ich stelle also den Wecker erneut, diesmal allerdings auf kurz nach sechs Uhr. Denn auch wenn wir uns nicht zur Spitze begeben, so müssen wir unseren Bus zurück um elf Uhr nehmen. Mit einer Frühstückspause – ans Essen zu denken bereitet mir zwar immer noch Schwierigkeiten, aber praktisch gedacht muss ich irgendwann Nahrung zu mir nehmen – und einem vierstündigen Abstieg sollte das hinhauen. Der bitteren Enttäuschung über die nicht stattfindende Gipfelbesteigung gesellt sich Erleichterung aus dem gleichen Grunde. Nicht ganz zufrieden, aber immerhin zuversichtlich, lasse ich die beiden anderen also in Ruhe und lege mich wieder hin.


Tag 2 – Donnerstag, 28. August

VII. They will see us waving from such great heights

Nach dem Schlaf. Was auch immer das heißen mag. Denn so punktuell wie mein – und ich glaube der der Anderen auch – Schlaf war, weiß ich schon gar nicht mehr, was vor, während oder nach dem Schlaf in dieser Situation konstituiert.
    Irgendwie wurden wir früher als geplant wach, auf jeden Fall ist es nun fünf Uhr und um dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen, bin ich froh, dass wir ab zwei Uhr in der Nacht mehr Platz hatten. Ich glaube, dass ich sogar ein wenig ausgeruht bin; ich vermag das allerdings aufgrund des dumpfen Geräuschs in meinem Kopf nicht ganz auszumachen.
    Umgezogen geht es in den Vorraum, eine geräumig mit Tatami ausgelegte Halle, die jeglicher Möbel entbehrt und bis auf die Schuhausziehstelle an der Tür eine einzige, große Fläche ist. Es sind schon neue oder noch alte Wanderer anzutreffen, die teils gut gelaunt und gesprächig ihr Frühstück genießen – entweder selbst mitgebrachtes Bentō oder aber das Menü des Hauses: Brot mit Beilage oder Lachs mit Beilage, beides für je 1000¥. Aber wir haben ja kein Geld. Wortlos mampfen wir unser Proviant (ich habe noch ein Reisbällchen gefunden!) und überprüfen unsere Wasservorräte: nicht so rosig. Wir fragen ganz nett, ob wir vielleicht Wasser von der Unterkunft bekommen könnten, aber das scheint nicht möglich zu sein. Lakonische Akzeptanz macht sich sofort bemerkbar – für die anderen Phasen bleibt wohl keine Zeit. Um 5:30 Uhr können wir also den Abstieg beginnen.
    Draußen ist es insgesamt hell, aber stark bewölkt. Schaut man nach oben, umhüllen sogar dunkle Wolken den Gipfel – es gab also doch nichts zu sehen. Ein wenig freut und beruhigt mich das. Zumal sich wie gestern ein Wolkenteppich unter uns ausbreitet, dessen Anblick ich stundenlang genießen könnte. Gut, dass der Rückweg genau das vorsieht. Es geht links an der Hütte vorbei auf einen Schotterweg, der quer 200 Meter bis zur offiziellen Abstiegsroute führt. Wir sind nicht die einzigen aus unserer Hütte, die ohne die Spitze zu erklimmen den Rückweg antreten.
    Wir stoßen wieder auf größere Wandergruppen, unter denen viele junge wie auch alte Menschen sind. Die Jüngeren sind es jedoch, die auch beim Abstieg ihren Sinn für jugendlichen Frohsinn und Risikobereitschaft nicht missen lassen, wenn sie den Zickzackweg teilweise in hoher Geschwindigkeit auf Füßen herunterschlittern. Unser Abstieg gestaltet sich insgesamt gemäßigt, zumal wir natürlich nicht so leicht andere Wanderer überholen können/wollen und häufiger für Fotos Halt machen. In unpassenden Vergleichen der Aussicht mit dem Erkenntnishorizont schwelgend, hören wir ab und an bei Muse rein, um die „Supremacy“ des Anblickes zu würdigen. Sporadisch ist Grün vorzufinden, in Form einzelner Büsche. Des Weiteren krabbeln irgendwelche Insekten auf dem Boden herum – ein Zeichen, dass das Leben also auch auf 3000 Metern fortbesteht. Je weiter wir kommen, desto geringer werden die Kopfschmerzen und desto besser geht es uns. Mit der Natur scheint also auch unser Wohlbefinden – ein Teil dieser Natur, wohlgemerkt – fröhlichere Farben anzunehmen.
    Mittlerweile hat sich der Wolkenteppich an manchen Stellen geöffnet: man kann bis ins Tal hinunterblicken. Zudem sind in etwas Entfernung auch andere Berge zu sehen; manche, die am Rande des Teppichs sind, ragen gerade so durch ihn hindurch und manch andere sind in ihrer vollen Pracht zu bewundern. Mit klarem Kopf nimmt man doch viel mehr wahr. Und plötzlich erblicke ich etwas, ein majestätisches Bild, das mich aus Raum und Zeit zerrt: ein Wasserfall aus einer dünnen, weißen Wolkenschicht, die über einen der Berge entlang zu fließen scheint. Ich stelle mich an den Rand des Weges, ziehe die Kapuze der Daunenjacke über meinen Kopf, stecke meine Hände in die Jackentaschen und blicke ehrfurchtsvoll in die Endlosigkeit dieser Szenerie. Fast möchte ich an dieser Stelle Wurzeln schlagen und es kommt mir so vor, als würde ich endlich diesen Trip erneut als eine richtige, als eine gute Entscheidung ansehen. Wenn auch dieser Glücksmoment nur kurz ausfällt, so erweckt er in mir das entfernte Gefühl einer nostalgischen Zuversicht, das mich fortan begleitet.
   Wieder in der Eigentlichkeit des Geschehens zurück geht es ungefähr dreißig Minuten weiter herunter, bis wir endgültig wieder von Flora umgeben sind. Das starke Bild aus Vulkangeröll, dem hellen Grün auf dem Berg, den Wolken dahinter und dem satten Grün des Tales dort unten prägt sich mir ein, als wir gut gelaunt auf den Horizont zeigen, fast schon winken, und – wie lange es wohl her sein mag? – wieder ehrlich lachen. Als Ausdruck der Freude und nicht, weil wir etwas lustig finden. Nein, diese Zeiten sind vorbei. Natürlich machen wir noch unsere Späßchen beim Abstieg, gebären uns wie exzentrische Schauspieler, aber nicht aus äußerer Ursache, sondern aus inneren Impulsen heraus. Als ich über dies beim Gang durch den Betontunnel nachdenke, fällt mir ein, dass dieser Tunnel beim Aufstieg nicht sehr weit von der sechsten Station gelegen war. Das bedeutet zwei Dinge: irgendwo ist der Abstiegsweg in den Aufstiegsweg gemündet und es dauert nicht mehr lange!
    Es kommen uns also auf einmal viele Wanderer – wieder mit hellen Holzstöcken – entgegen, denen man den Eifer der Besteigung ansieht. Diese Narren! Doch ohne mich mit den anderen zu lange aufzuhalten, erfreue ich mich lieber der Tatsache, dass wir nun an der sechsten Station sind. Erheitert über eine Person, die auf einem Schotterhaufen in aller Seelenruhe schläft und mich wundernd, was die Geschichte hinter dem Tuch auf einem einzelnen Ast auf dem Boden ist, bemerke ich, dass zwei Frauen auf der Bank vor dem Häuschen sitzen. Die Details bleiben unklar, aber das pflegende Verhalten der jüngeren und die Ankunft des Sanitätsjeeps machen eine Erklärung nichtig. Die Aufmerksamkeit, die das ganze Geschehen verursacht, ist übertrieben, jedoch gestehe ich ein, dass es ein Kunststück ist, mit einem Auto über diese sehr unebene und steil abfallende Steinstraße herunter zu fahren. Das denken sich wohl auch all die, die ihre Kameras zücken. An dem schiefen Baum vorbei sehen wir zum ersten Mal, wie eines der Pferde eine Person auf diesem Berg befördert. Es ist zwar teuer, aber auch interessant anzuschauen, denn auch die blaue Uniform des Mannes erinnert mich daran, wie es wohl in vergangenen Zeiten gewesen sein muss, als Samurai auf Pferden durch diese Landschaft gezogen zu sein.
    Endlich erreichen wir um 8:45 Uhr die fünfte Station. Wir sind viel zu früh und die Freude weicht schnell einem kalten Empfinden bei dieser Einsicht, zumal es nicht viel wärmer als auf der achteinhalbten Station ist. Bei dem Versuch, einen geheizten Ort zu finden, an dem wir uns ausruhen können, begeben wir uns zunächst in den Touristenladen vom Anfang. Da sich oben ein Restaurant befindet – die untere Geschäftsetage ist jetzt überfüllt mit Kunden –, gehe ich hinauf und frage, ob man mit Kreditkarte bezahlen kann. Man kann nicht. Auf der Treppe nach unten begegne ich erneut der Germanistikstudentin mit ihren Freunden und wir bedanken uns noch gegenseitig für die Anstrengung – eine sehr japanische Floskel, die immer noch gerne verwendet wird.
    Draußen am Busschalter erkundige ich mich, ob wir vielleicht mit unseren Tickets einen Bus früher nehmen dürfen. Wir dürfen nicht. Wir haben also zwei der fünf Häuser auf der fünften Station abgehakt und begeben uns daher in ein Restaurant über einem anderen Souvenirladen. Ich stelle erneut die Frage, ob man hier mit Kreditkarte zahlen kann. Immerhin ist es theoretisch möglich, jedoch erst ab einem Bestellwert von 2000¥, was bedeuten würde, dass wir etwas zu essen bestellen müssten. Da wir komischerweise keinen Hunger haben, entscheiden wir uns, zunächst in den zwei anderen Restaurants im nebenstehenden Gebäude zu fragen. Beide nehmen nur Bargeld, sodass wir uns wieder auf dem zentralen Platz der fünften Station befinden.
    Es fängt an zu regnen, als ich mich auf einen Pfeiler setze und die Pferde beobachte, die mit Seilen an eigenen Pfeilern befestigt regungslos herumstehen. Jetzt tun sie mir leid. Aber wir können nur nach Schutz für uns suchen. Wir begeben uns daher unter die Überdachung bei dem Rasthaus, das über Treppenstufen erreichbar gesenkt im Windschutz vorzufinden ist. Da es hier kein Geschäft gibt, setzen wir uns auf einen Tisch und ziehen unsere Schuhe aus, damit wir uns bis an die Wand lehnen können. Wir beginnen, uns Geschichten zu erzählen, hauptsächlich über Fernsehserien, die wir in unserer Kindheit gerne geschaut haben.
     So schön diese Unterhaltung auch ist, nach einer Weile wird es uns zu kalt; wir haben allerdings noch eineinhalb Stunden, bis unser Bus abfährt. Wir gehen wieder die Treppen herauf und entscheiden uns, doch noch einmal in das zweite Lokal zu gehen. Mittlerweile hat wenigstens einer von uns Hunger, sodass wir es mit einem Menü und drei Getränken schaffen, eine Bestellung im Wert von genau 2000¥ aufzugeben. Es mag ein komischer Sieg in diesem Moment sein, aber dass wir das „Dilemma des Geldes“ umgangen haben, erfreut uns. Nichtsdestoweniger ist es natürlich auch schön, in der Wärme essen und trinken zu können. Wir blicken in Ruhe auf den Urlaub zurück, geht es für die Anderen doch heute Abend schon in den Flieger. Es hat sich gelohnt, das kann man ohne zu Zögern sagen, und waren auch manche Dinge nicht perfekt (welche Dinge sind es schon?), so haben wir doch viel erlebt und gelernt. Ja, auch diese etwas halbherzige Bezwingung des Fuji hat sich genau wegen dieser Halbherzigkeit gelohnt, denn je weniger es eine Bezwingung des Berges war, desto mehr war es eine Bezwingung des eigenen Selbst – ich würde es jederzeit erneut machen. Bei all dem Denken und Reden vergeht die Zeit so schnell, bis es schon kurz vor elf ist. Wir machen uns zum Bus auf und – auch wenn es angemessen wäre – ohne bei der Abfahrt das zurückliegende Erlebnis mit gedankenversunkenen Blicken ein letztes Mal zu würdigen, schlafe ich ein.

    Fast pünktlich zur Ankunft in Shinjuku um 13:30 Uhr erwache ich. Immer noch in einem surrealen Trancezustand nach der, wie mir bewusst wird, kurzen Nacht befinden wir uns nun mit verdreckten und viel zu warmen Klamotten wieder mitten im Trubel der Großstadt, der agglutinierten Gesellschaft, der wir durch unseren Akt des Naturkontaktes entkommen wollten. Unser Eskapismus war lediglich ein temporärer, und dabei vielleicht auch nur ein heuchlerischer und ein in seiner Natur zum Scheitern verurteilter, denn genau genommen wäre er ohne all das, was uns durch eine moderne Gesellschaft vorgeschrieben und aber auch ermöglicht wird, nicht so leicht zu realisieren gewesen. Dennoch, auf der größeren Ebene betrachtet stellten die vergangenen zwei Wochen für die Anderen eine hoffentlich erfolgreiche Flucht in fremde Kulturen und Welten dar, eine Flucht, aus der sie leider im Laufe der anstehenden Nacht schon wieder in ihren heimischen Alltag gezogen werden würden. Für mich hingegen wird sie noch ein wenig länger andauern, denn diese Flucht ist durch eine Suche motiviert, deren Ziel mir noch unklar ist, solange ich es nicht gefunden habe. Entweder wird also das gesamte kommende Jahr meine Flucht sein oder aber nur die unbestimmte Zeitspanne bis ich durch irgendeinen Grund – vielleicht einfach nur durch Gewöhnung an den und Routinierung im japanischen Alltag – das Ziel greifbar sehen werde. Und wenn dieser Zeitpunkt gekommen ist, so schaffe ich es vielleicht schlussendlich, mein Augenmerk von der Suche als meiner Flucht auf das Ziel als meiner Ankunft auf einer lichten Straße zu verlagern.

Aber noch fliehe ich.


Mumon

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