On the Road in Nikkō – 2

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Auch am Morgen steht ein Besuch der heißen Quelle an. So etwas gibt es schließlich nicht alle Tage – das muss ausgenutzt werden, zumal wir eh ein bisschen mehr Zeit haben, da in dem Preis (8500¥ p.P., das sind ca. 62€; ein sehr günstiger Preis für japanische Verhältnisse) kein Frühstück mit inbegriffen ist.

Nach dem Auschecken gegen zehn Uhr müssen wir also nach einer Frühstücksgelegenheit Ausschau halten. Ich frage an der Rezeption, wo es in der Nähe einen コンビニ gibt. Den gibt es nicht. Dafür wohl aber zwei Supermärkte/Kioske, die wir nicht finden bzw. die geschlossen haben.

Es geht also ohne Frühstück weiter.


Tag 2 – Dienstag, 19. August

Bild 1. Am Morgen begrüßt uns ein blauer Himmel.

Bild 1. Am Morgen begrüßt uns ein blauer Himmel.

Bild 2. Fast wie bei Heidi...

Bild 2. Fast wie bei Heidi…

Aber bei tollem Wetter mit blauem Himmel (s. Bild 1) kann man das Essen ja noch ein wenig aufschieben. Wir erblicken auf dem Weg (s. Bild 2) zur Bushaltestelle den schön kegelförmigen Berg Nantaisan, der von einer weißen Wolke geziert wird (s. Bild 3).

Nach ein wenig Warterei betreten wir den Bus und fahren an der Nordseite des Sees entlang. Unser Ziel ist zunächst der kleinere von zwei berühmten Wasserfällen hier in der Gegend. Da dieser Wasserfall nun auch ein Novum für mich ist, bin ich bereits gespannt.

Bild 3. Der männliche Nantaisan.

Bild 3. Der männliche Nantaisan.

Angekommen überlege ich, ob ich nicht die Straße zurück auf die entgegengesetzte Seite gehe, um nach den Rückfahrzeiten zu schauen. Ich lasse es aber sein und wir folgen ein paar anderen Leuten, die ebenfalls zum Wasserfall zu wollen scheinen, den Berg hinauf.

Das Wetter ist nach wie vor toll, die Hitze dafür umso drückender. Immerhin haben wir hier in den Bergen eine akzeptable Luftfeuchtigkeit – wenn ich da nur an den Moment zurückdenke, als wir frühmorgens um 6:30 Uhr in 日暮里 Nippori, Tōkyō am Bahnhof ankamen, unsere Koffer im Schlepptau, an Ausländern vorbei, denen man ansah, dass ihre durchzechte Nacht nun langsam ein Ende nimmt, mit einer dicken Luft klebrig an der Haut…

Bild 4. Die bergige Landschaft im Nationalpark Nikkō.

Bild 4. Die bergige Landschaft im Nationalpark Nikkō.

Vor uns ist eine Dreigenerationfrauengruppe, hinter denen wir herdackeln. Ich weise scherzhaft darauf hin, dass z.B. eine Fujibesteigung (für’s Ego) dann gut verläuft, wenn man noch von keiner Oma überholt worden ist.

Bild 5. Die Straße ist lang, aber wir haben immer was zu sehen.

Bild 5. Die Straße ist lang, aber wir haben immer was zu sehen.

Daher sind nun wir es, die überholen und wir machen uns guten Willens weiter daran, über Serpentinen per pedes an Höhenmetern zu gewinnen. Wir legen dabei ein beachtliches Tempo vor. Natürlich werden wir ab und zu mal langsamer, um die schöne Aussicht zu genießen (s. Bilder 4 und 5) oder kuriose Dinge zu fotografieren (s. Bild 6). Immer mal wieder zurück blickend stellen wir jedoch fest, dass wir die anderen (es gab auch eine andere Kleingruppe) weit hinter uns zurückgelassen haben.

Bild 6. So zum Beispiel dieses Rad.

Bild 6. So zum Beispiel dieses Rad.

Ein Problem gibt es jedoch (nein, zur Abwechslung ist es nicht der Hunger): etwas, das nach Wasserfall oder einem Zugang dazu aussieht, lässt sich partout nicht blicken. Ein (vielleicht privater) links von uns den Berg hoch verlaufender Zaun weckt in mir die Hoffnung, dass man „da“ rauf kann. Man kann „da“ nicht rauf.

Bild 7. Irgendwie sieht das Bild schon nach Rast aus.

Bild 7. Irgendwie sieht das Bild schon nach Rast aus.

Wir machen Halt. Der Ausblick ist schön, aber das bringt uns im Moment gar nichts (s. Bild 7). Während ich den Reiseführer in Augenschein nehme, trinken die beiden anderen friedlich Wasser und schauen sich um. Ich stelle die Hypothese auf, dass wir in die falsche Richtung gegangen sind. Wir gehen also das ganze Stück wieder runter.

Kaum kommen wir an der Bushaltestelle an und gehen bis zur Rückfahrtshaltestelle, erschließt sich in Sichtweite schon ein Stein, der einen Pfeil zum Wasserfall trägt. Hypothese bestätigt. Hätte ich mal nach den Buszeiten geschaut… Wie auch immer, der Hunger scheint nun so treibend zu sein, dass man darüber hinwegsehen kann und eher darüber erfreut ist, dass man das Ziel erreicht hat: den


竜頭の滝 Ryūzu no Taki

Bild 8. Hier sieht man den Kleinen schon ein wenig.

Bild 8. Hier sieht man den Kleinen schon ein wenig.

Wir überqueren eine Holzbrücke, vor dem ein Bergweg liegt, den wir später gerne erkunden würden (das schaffen wir aber nicht). Uns wird schon ein kleiner Teil des Wasserfalls gewahr (s. Bild 8), sodass wir uns nun aufmachen können. Zum Essen!

Erneut finden wir eine kleine Hütte – die, würden wir im Innenbereich einmal um die Ecke gehen, Sitzplätze mit Wasserfallsicht bietet –, in der wir in einem schön urigem Ambiente begrüßt werden.

Es gibt そば Soba und お雑煮 Ozōni,1 aber wir sind nach wie vor sehr fasziniert ob des Ambientes (Hungerwahn?). Eine kleine Ein-Yen-Münze wurde zärtlich in den Bilderrahmen neben uns an der Wand gelegt. Was es damit wohl auf sich hat?

Wir begeben uns endlich zu der Front, die uns einen Blick auf den 竜頭の滝 Ryūzu no Taki („Wasserfall des Drachengesichts“) ermöglicht. Der Wasserfall heißt so, weil die beiden einzelnen Wasserfälle nebeneinander wie der Schnurrbart eines Drachen aussehen. In der Tat (s. Bild 9).

Bild 9. Der Schnurrbart des Drachen.

Bild 9. Der Schnurrbart des Drachen.

Uns überkommt die Neurose, ein Selfie machen zu müssen – wir sind schließlich auch moderne Menschen –, als eine ältere Dame anbietet, ein Foto von uns zu machen. Dankend nehmen wir an und lassen uns mitsamt Fremdling am Rande ablichten.

Wir gehen erneut um das Häuschen umher, da wir gesehen haben, dass am anderen Ende Leute irgendwo von oben herabgekommen sind. Da würden wir natürlich auch gerne mal rauf.

Bild 10. Eine Statue des Jizō.

Bild 10. Eine Statue des Jizō.

Bild 11. Ein besonderes Becken.

Bild 11. Ein besonderes Becken.

Auf dem Weg dahin finden wir einen kleinen Tempel, an dem die Statue von 地蔵 Jizo (s. Bild 10), eine Art Wächterbuddha für Kinder, steht und es das sog. 知足の蹲踞 chisoku no tsukubai („Becken der Zufriedenheit“, s. Bild 11), eigentlich ein vor der Teezeremonie zur Reinigung der Hände benutztes Becken, gibt.

Der Clou hierbei jedoch ist, dass das Quadrat in der Mitte das Zeichen 口 kuchi („Mund“) repräsentiert, das wiederum als Radikal an der zu den anderen Zeichen relativen Stellen stehend ein neues Zeichen bilden kann.

Bild 12. Der Wasserfall etwas weiter oben.

Bild 12. Der Wasserfall etwas weiter oben.

Im Uhrzeigersinn entstehen also die Zeichen 吾 ware, 唯 tada, 足(る) ta(ru) und 知(る) shi(ru). Man liest sie nun nacheinander 吾唯足知 (われ、ただ足るを知る ware, tada taru wo shiru), was in etwa „Ich weiß nur genug“ bedeutet. Üblicherweise interpretiert man es im Rahmen der anti-materialistischen Haltung des Buddhismus im Sinne von „Was man hat, ist alles, was man braucht“. Das berühmteste Exemplar von so einem chisoku no tsukubai werden wir noch in Kyōto sehen.

Bild 13. Das Wasser hat eine schöne Farbe.

Bild 13. Das Wasser hat eine schöne Farbe.

Nun können wir also raufgehen. Mit Ästen im Gesicht begeben wir uns auf das erste Plateau, von dem man aus den Wasserverlauf des Wasserfalls in beide Richtungen gut verfolgen kann (s. Bild 12). Das Wasser hat eine unnatürlich schöne Farbe (s. Bild 13) und das Wetter ist nach wie vor ausgezeichnet – bei uns zumindest, erblicken wir schließlich in der Ferne in Richtung Chūzenji-See graue Wolken an den Bergen (s. Bild 14).

Bild 14. In der Ferne lauern Wolken.

Bild 14. In der Ferne lauern Wolken.

Wir gehen weiter und weiter, bis wir feststellen, dass in 90 Metern nur noch ein Parkplatz folgt. Da wir uns nun damit mittlerweile auf halber Strecke dorthin befinden, begeben wir uns nach unten zurück. So schön der Aufenthalt hier auch ist, müssen wir gleich schon den Bus bekommen, da hier nur stündlich welche fahren.

Wir kommen also wieder an der Bushaltestelle am Chūzenji-See an. Von dort ist es nicht mehr weit bis zu unserem nächsten Ziel. Schlappe fünf Minuten brauchen wir zu Fuß und wir erreichen das Gelände um den


華厳ノ滝 Kegon no Taki

Dies ist der berühmtere der Wasserfälle2 hier in der Gegend.3 Wie im ersten Artikel bereits erwähnt, handelt es sich hierbei um einen Wasserfall, der – trotz der traditionellen Auffassung des Shintōismus als Naturreligion – nach dem buddhistischen Sutra der Kegon-Schule benannt ist.

Bild 15. Der Kegon no Taki von oben.

Bild 15. Der Kegon no Taki von oben.

Eine weitere Besonderheit ist der Zugang zu dem Wasserfall. Hiermit meine ich nicht die Tatsache, dass wir dafür Eintritt zahlen müssen (wie gesagt, irgendwann merkt man es nicht mehr…), sondern dass wir uns zunächst ans untere Ende des Wasserfalls begeben müssen, da wir uns im Moment in höherer Position als die Spitze des Wasserfalls befinden (s. Bild 15).

Bild 16. Hier drinnen fährt der Aufzug nach unten.

Bild 16. Hier drinnen fährt der Aufzug nach unten.

Wir müssen also den Berg runter. Und wie? Natürlich mit dem Aufzug. (s. Bild 16) Das ist neben der Rolltreppe, die einen Berg hinaufführt – in 鎌倉 Kamakura auf der Insel 江ノ島 Enoshima –, eine der kuriosesten Verbindungen von Natur und Technik, die ich in diesem wunderbaren Land erleben durfte.

Wir fahren also in einer Minute 100 Meter in die Tiefe.

Bild 17. Und der Kegon no Taki von unten.

Bild 17. Und der Kegon no Taki von unten.

Unten geht es durch einen sehr kühlen Tunnel (den Altar in der Wand gibt es immer noch) auf eine zweieinhalbstöckige Plattform am Fuße des Wasserfalls. Von hier wirkt die 97 Meter hohe Präsenz des 華厳ノ滝 Kegon no Taki sehr beeindruckend (s. Bild 17 und Titelbild).4

Bild 18. Wie Legosteine aneinandergepappt.

Bild 18. Wie Legosteine aneinandergepappt.

Was mir auch von 2010 noch gut in Erinnerung geblieben ist, sind die stufenartigen Felswände an unserer Seite (s. Bild 18). Die finde ich mittlerweile fast faszinierender als den eigentlichen Wasserfall.

Ebenfalls sehenswert sind die kleinen Nebenwasserfälle (s. Bild 19) und die Miniwasserfälle, die wie Adern Teil des Kreislaufs des Kegon no Taki sind.

Bild 19. Einer der Nebenwasserfälle.

Bild 19. Einer der Nebenwasserfälle.

Was uns zudem nur der Wasserfall bieten kann ist eine kleine Dusche, da man im offenen Bereich der Plattform überall von einem angenehmem Nieselregen getroffen wird. Da nun zudem der Himmel auch wieder aufklart (an anderer Stelle krochen bereits bedrohlich die Wolken über die Bergrücken, s. Bild 20), verspricht sich irgendwo ein Regenbogen aufzutun.

Bild 20. Auch hier nicht mehr ganz so optimales Wetter.

Bild 20. Auch hier nicht mehr ganz so optimales Wetter.

In der Tat lässt sich kurz und durchsichtig einer blicken (unten an den größeren Steinen am Wasserfall), aber so ein großes Spektakel ist es dann doch nicht.

Bild 21. Im Detail sieht der begraste Stein aus wie ein Planet.

Bild 21. Im Detail sieht der begraste Stein aus wie ein Planet.

Schön ist jedoch, dass auch unter den beeindruckenden Felswänden Gestein herausragt, das von Grün bedeckt sind. Es sieht wie auf einem fremden Planeten aus (s. Bild 21), im Detail könnte man sogar meinen, es gäbe Felshäuser (s. Bild 22). Vielleicht ist das aber auch nur meine Phantasie. Es gefällt aber vor allem die Gesamtkomposition, die hier den Anblick so sehenswert macht (s. Bild 23).

Bild 22. Hier könnten Häuser in der Wand sein...

Bild 22. Hier könnten Häuser in der Wand sein…

Was mehr verwundert und vor allem amüsiert sind hingegen gewisse Produkte im Geschenkladen. Hier gibt es – der Tatsache verschuldet, dass hier auch viele Affen heimisch sind (daher auch das Schild, dass man vor von Bäumen herabkommenden Affen Acht geben soll), die sich jetzt im Sommer aber nicht so sehr blicken lassen – Affenarschkekse (s. Bild 24) und Affenkotkekse (s. Bild 25).

Bild 23. Gesamtansicht des Kegon no Taki.

Bild 23. Gesamtansicht des Kegon no Taki.

Bild 24. Affenkotkekse.

Bild 24. Affenkotkekse.

Bild 25. Affenarschkekse.

Bild 25. Affenarschkekse.

Während das für die Anderen wohl die perfekten Geschenke für Freunde und Verwandte in der Heimat zu sein scheinen, ergötze ich mich länger an dem Landschaftsanblick hier im Tal (s. Bild 26). Zudem kann ich mich dann auch mal wie ein alter Mann hinsetzen.

Aber da alles außer der Wurst ein Ende hat, müssen wir auch hier langsam weg. Wir gehen erneut zurück zur Bushaltestelle Chuzenji-See (das ist mittlerweile unser Knotenpunkt geworden). Diesmal allerdings nicht, um einen Bus zu nehmen.

Bild 26. In entgegengesetzter Richtung des Wasserfalls.

Bild 26. In entgegengesetzter Richtung des Wasserfalls.

Wir gehen über die Brücke die Straße entlang zurück, die wir gestern mit dem Bus hinauf gefahren sind. Für die Auf- und Niederfahrt gibt es nämlich zwei separate Strecken.

Bild 27. Schön viele Blümchen.

Bild 27. Schön viele Blümchen.

Auf dem Weg kommen wir zunächst an einer Sonnenblumenwiese vorbei (s. Bild 27). Das entschuldigt das langsam rauchiger werdende Wetter.

Wir durchschreiten nun zu Fuß einen zwei Kilometer langen Autotunnel: wir sind die einzigen Passanten. Das Gefühl ist beengend, eine laute Geräuschkulisse untermalt ständig unseren Weg.

Wir singen zu dritt vor uns hin – jeder etwas anderes, aber es passt immer zueinander. Es gibt die kleinen Momente, in denen man glaubt, nun seien vorerst alle Autos an einem vorbei gefahren, da kündigt sich hinter der weit entfernten Kurve schon das nächste Paar Scheinwerfer an.

Unser Ausgang wird majestätisch begleitet von einem Lastwagen, der, atmosphärisch passend, von hinten, unseres Blickes also entzogen, heranrast. Das Brummen wird, je näher er kommt, einnehmender, die Konversation wird zum Schweigen gebracht, unsere Ohren erreicht nichts mehr als das Geräusch puren verbrannten Öls, das die Erde zum Beben bringt und bis in unsere Körper dringt.

Bild 28. Between tunnels.

Bild 28. Between tunnels.

Nach diesem dramatischem Intermezzo gelangen wir wieder an die frische Luft – zumindest für 20 Meter, denn da beginnt der nächste Tunnel. Wir atmen daher tief ein und aus und genießen die Landschaft, die sich vor unseren Augen im Tale ausbreitet (s. Bild 28).

Neben dem Tunnel entdecken wir ein mysteriöses Haus, das, versteckt im Grün, einen nicht gerade einladenden Eindruck macht. Wir gedenken, dort nicht vorbeizuschauen.

Bild 29. Hier sind wir zwei Kilometer durchmarschiert.

Bild 29. Hier sind wir zwei Kilometer durchmarschiert.

Es wird nun auch draußen lauter, was an einer Motorradgang liegt, die nun den von uns soeben durchrittenen Tunnel befährt (s. Bild 29). Für uns ist der Weg aber zum Glück nicht mehr so weit, denn der nächste Tunnel ist nur noch ca. 20 Meter lang.

Wir gelangen an einen Parkplatz und haben in einer Kurve vor uns, auf der Bergklippe, unser nächstes Ziel erreicht:


Die Seilbahnstation 明智平 Akechidaira

Im Reiseführer entdeckt, war dies ein gestern Abend spontan herausgegriffener Ort in der Umgebung, den ich selbst noch nicht kenne, weswegen wir uns hierhin aufgemacht haben.

Bild 30. Nebelverhangen gelangen wir zur Seilbahn...

Bild 30. Nebelverhangen gelangen wir zur Seilbahn…

Leider ist es nun so, wie es sich heute oftmals angekündigt hat: wir sind benebelt. Es wirkt zwar episch, wie die Waggons aus dem (späteren) Nichts (s. Bild 30) herab zu uns zu fahren scheinen (s. Bild 31), aber ob es sich lohnt, das wissen wir im Moment nicht. Wir suchen dennoch zuerst den Eintritt zur Seilbahn auf, da wir uns spontan (weil das bei uns immer so gut klappt…) entscheiden wollen, ob wir damit fahren oder nicht.

Bild 31. ...die dennoch fährt.

Bild 31. …die dennoch fährt.

Freundlich wie die Japaner sind, werden wir aber prompt darauf (ehrlicherweise) hingewiesen, dass die Sicht nicht die beste ist; gut, dass sie eigentlich nicht vorhanden ist. Bewiesen wird uns das mit dem über dem Eingang hängenden Monitor, der Bilder der Kamera auf der Bergspitze zeigt. Der Bildschirm ist grau.

Nachdem uns der Schaffner gesagt hat, dass wir es uns doch überlegen sollen, gehen wir erneut raus, um zu Sinnen zu kommen. Wir essen also erstmal was.

Bild 32. In der Ferne irgendwo in Nikkō.

Bild 32. In der Ferne irgendwo in Nikkō.

Wir lassen es im Endeffekt sein und erahnen dafür nur die sich unter einem teilweise ausbreitende Landschaft (s. Bild 32).

Auf dem Rückweg machen wir es uns leicht und nehmen den Bus zurück. Erneut gelangen wir zur Haltestelle am Chuzenji-See. Wir müssen umsteigen und es folgt eine Busfahrt, wie ich sie bisher noch nicht erlebt habe.

Der Bus ist eher ein Reisebus, d.h. es sind auf jeder Seite des Ganges hintereinander Zweiersitze gereiht. Der Bus ist diesmal nur voller als sonst und anscheinend möchte der Busfahrer den Reisebus von der Konzeption her so verwenden wie einen normalen Bus: es müssten also Leute stehen.

Denkt man, als plötzlich die Ansage kommt, sich (also, die im Moment noch stehenden Personen) weiter nach hinten zu begeben und sich auf die ausklappbaren Gangsitze zu setzen. Damit gibt es keinen Gang mehr und de facto besteht die Platzreihung nun zu 83% aus fünf die Fenster verbindenden Sitzplätzen.

Die Busfahrt an sich ist ein wenig melancholisch, müssen wir uns doch schließlich wieder von der Natur entfernen. Die hinter uns herfahrende Autokolonne, die ein wenig unruhig wirkt, scheint das aber nur wenig zu interessieren.

Immerhin begleitet mich in einer Kurve ein Schmetterling. Mein kleiner neuer Freund überlässt mir nun, nachdem er sich verabschiedet hat, eine prächtige Baumwand am Rande der Straße, die, so grün sie erstrahlt, an einer Stelle bereits einen herbstroten Ast trägt. Wunderschön.

Es überrascht mich nun ein kleines Stück weiter ein ganzer roter Baum; und – und das ist uns nicht aufgefallen, als wir oben waren – der Berg, auf dem die Seilbahn fährt, sieht so aus, als sei er angebissen. Wunderschön und furchtbar zugleich.

Unten angekommen geht es zu Fuß auf der „Hauptstraße“ Richtung Bahnhof zurück. Warum wir mitten auf der Strecke ausgestiegen sind (der Bus fährt bis zum Bahnhof), ist mir nicht klar.

Wie auch immer, unter den vielen kleinen Läden, die diese Straße zieren, finden wir ein schönes Antiquitätengeschäft, das alte Postkarten, Kameras und Bücher im Sortiment hat. Bei letzteren schaue ich natürlich genauer hin.

Im Endeffekt kaufe ich mir dort prompt mein erstes Buch in Japan – also, insgesamt betrachtet natürlich nicht; das gilt nur für den jetzigen Aufenthalt –: The Truman-MacArthur Controversy and the Korean War von John W. Spanier. Man weiß ja nie…

Wir sorgen für etwas Proviant für die Rückfahrt und schlendern auf der Straße entlang, deren Baustellen affenförmige Plankenhalter säumen.

Bild 33. Eine große Reisschale.

Bild 33. Eine große Reisschale.

Nun bin ich jedoch der einzige, den plötzlich Hunger überkommt (vielleicht ist es die riesige Reisschale Schuld? s. Bild 33), weswegen ich, zumal es auch anfängt zu regnen, in den nächsten ラーメン屋 Ramenladen gehe.

Dort kann man sich etwas entspannen und stärken, sodass man die finale Bahnfahrt zurück nach Tokyo antreten kann. Man kann das Ganze also mal sacken lassen…

Ein japanisches Sprichwort besagt, dass man ohne Nikkō gesehen zu haben, nicht zufrieden sein kann (日光を見ぬうちは結構というな)5. Ich kann mich zufrieden schätzen, zumal ich schon einmal hier war. Ich hoffe aber natürlich, dass dies zu einem kleinen Teil vielleicht nun auch für meine Begleiter gilt.


Mumon

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Fußnoten

餅 Mochi (gestampfter Reis) in Suppe; ein, nein, das Neujahrsgericht überhaupt in Japan. Es gibt zudem am Silvesterabend traditionell Soba; für ein langes Leben. Irgendwie ist das grad die falsche Zeit…

Eigentlich handelt es sich beim Kegon no taki um mehrere Wasserfälle; auch die kleineren zählen dazu. Der Einfachheit halber wird es im Text aber im Singular benannt werden.

Und er gilt als einer der drei schönsten Wasserfälle Japans!

Der Wasserfall war mal ein beliebter Selbstmordort, nachdem sich der Student und Dichter 藤村操 Fujimura Misao hier das Leben nahm und ein Abschiedsgedicht in einen der Baumstämme ritzte (natürlich in umgekehrter Reihenfolge). Die von den Zeitungen popularisierte Geschichte inspirierte viele liebeskummernde Jünglinge dazu, sich hier ebenfalls das Leben zu nehmen.

Man achte auf das Wortpaar 日光 Nikkō und 結構 kekkō (zufrieden).

  1 Kommentar für “On the Road in Nikkō – 2

  1. Schlomo
    16.10.2014 um 17:04

    Weltkulturerbe, wilde Wälder, Wasserfälle und Affenarschkekse…Eine grandiose Kombination und bezaubernd genug, um Urlaubsträume entstehen zu lassen. Auch die Einbettung deiner informativen Kommentare und Exkurse ist sehr gelungen. Ich freue mich auf weitere ansprechende Photographien und Erläuterungen deinerseits.

    Schlomo

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