On the Road in Nikkō – 1

Die drei Affen

Zu Hause sind wir vor zwei Tagen angekommen. Dort haben wir uns erstmal über’s Wochenende ausgeruht. Das erste 寿司 Sushi wurde natürlich aber schon gegessen. Sehr geil!

Die Begleiter bleiben ab jetzt noch zehn Tage in Japan. Auch wenn man locker zwei Wochen aufbringen kann, Tokyo zu erkunden – ohne damit je fertig zu werden –, möchte ich ihnen auch das Japan außerhalb dieser faszinierenden Stadt zeigen.

Ich habe schon ein paar Wochen vorher die Reiseplanung konkretisiert, schließlich müssen Unterkünfte oder Ähnliches im Voraus gebucht werden. Da ich zudem eine Balance aus Tokyobesichtigung und Japanbesichtigung erreichen wollte, musste ich schauen, was wir wann wo sehen wollten.

Es lag daher nahe, nicht endlos viel durch die Gegend zu reisen (auch wenn’s spannend gewesen wäre), sondern sich an ausgewählten Orten ein wenig mehr Zeit zu nehmen. Einen Einblick in diese drei Trips werden die restlichen Einträge geben.

Denn an dieser Stelle beginnt unsere Weltkulturerbetour!


Tag 1 – Montag, 18. August1

Es geht, günstiger als erwartet, mit dem Zug in Richtung 日光 Nikkō. An schönen, weitläufigen Feldern mit Bergen im Hintergrund vorbei und durch dichte Wälder hindurch – streckenweise säumen nur Bäume die beiden Gleise – erreichen wir zweieinhalb Stunden später den Tōbu-Bahnhof Nikkō.2

Bild 1. Dies ist die Hauptstraße Nikkōs.

Bild 1. Dies ist die Hauptstraße Nikkōs.

Das aus Deutschland bekannte Problem, nicht zu wissen, welches Ziel das eigene Zugabteil hat, kann durch Schilder im Zug vermieden werden; und der damit verbundenen Tatsache, dass alle Zugteile miteinander verbunden sind.

Bild 2. Die Heilige Brücke.

Bild 2. Die Heilige Brücke.

Wir sind nun etwas mehr als 900 Meter über dem Meerespiegel und finden uns in einer schönen bergigen Landschaft (s. Bild 1) wieder. Zunächst machen wir uns zur Post auf, da bereits für Briefmarken vorgesorgt werden will. Dabei stehe ich einem jungen Israeli, der sich ob der Sprachbarriere nicht sicher ist, ob er und die Frau in der Post das Gleiche meinen, zur Seite und helfe ihm, sicher und mit den korrekten Angaben das Paket in die Heimat zu schicken.3

Bild 3. Eine schöne Telefonzelle.

Bild 3. Eine schöne Telefonzelle.

Nachdem das geklärt ist, wollen wir aber nun zu den sehenswerten Orten fahren. Da die interessanten Orte jedoch etwas außerhalb, im zwei Kilometer entfernt beginnenden riesigen Nikkō Nationalpark liegen, gedenken wir, zunächst ein wenig mit dem Bus zu fahren.

Mit dem Bus geht es zur schönen, rot leuchtenden 神橋 Shinkyō-Brücke4 (s. Bild 2), der „Heiligen Brücke“, die schon Teil des 二荒山神社 Futarasan-jinja (Schrein) ist, der tief im Wald-, Tempel- und Schreinkomplex liegt. Beim Aussteigen fällt uns aber zuerst dieser praktisch als Telefonzelle umfunktionierte Zugteil auf (s. Bild 3). Was es nicht alles so gibt.

Bild 4. Die Statue des Priesters Shōdō Shōnin.

Bild 4. Die Statue des Priesters Shōdō Shōnin.

Die Brücke ist der Legende nach entstanden als der buddhistische Priester 勝道上人 Shōdō Shōnin (s. Bild 4) im Jahre 766 den Berg 男体山 Nantaisan erkunden wollte und den Fluss unüberquerbar vorfand. Er betete, woraufhin eine Gottheit mit zwei Schlangen um einen Arm erschien und sie loslöste, sodass sie sich in diese Brücke transformierten.

Ebenjener Shōdō war es auch, der daraufhin im Jahre 767 den Futarasan-jinja errichtete. Der Name „Futarasan“ ist eine alternative Bezeichnung des Berges Nantai.

Bild 5. Die Brücke am Ende der Hauptstraße.

Bild 5. Die Brücke am Ende der Hauptstraße.

Bild 6. Dann betreten wir mal das Gelände.

Bild 6. Dann betreten wir mal das Gelände.

Wir überqueren die dazu parallel verlaufende Brücke (s. Bild 5) und gelangen an den Waldeingang. Hier erinnert uns ein großer Stein daran, dass wir jetzt Weltkulturerbegebiet betreten (s. Bild 6).

Wir folgen den naturbelassenen, mit einem Flüsschen durchzogenen Treppen (s. Bild 7) und erkunden ein wenig die Gegend. Auf eine der Karten schauend suchen wir eine Essgelegenheit. Wir finden ein kleines uriges Häuschen, das von einer ca. Mitte 70-jährigen Frau betrieben wird und genießen dort うどん Udon und カレーライス Curryreis.

Bild 7. Detailaufnahme der Treppe.

Bild 7. Detailaufnahme der Treppe.

Da das Lokal direkt unter dem 輪王寺 Rinnō-ji (Tempel) liegt, machen wir uns zunächst dorthin auf. Der Rinnō-ji geht auch ins achte Jahrhundert zurück und zwar wurde er 766 von demselben Shōdō Shōnin gegründet, der auch den Futarasan-jinja errichtete und der mit dem Rinnō-ji den Buddhismus in der Gegend etablierte.

Bild 8. Nur eine Fassade: so sieht eigentlich die Sanbutsudō aus.

Bild 8. Nur eine Fassade: so sieht eigentlich die Sanbutsudō aus.

Leider finden wir die Haupthalle, die 三仏堂 Sanbutsudō („Halle der drei Buddhas“), unter Bauarbeiten vor (s. Bild 8).5 Sie beherbergt eigentlich drei 7.5 Meter hohe, goldene Amidha-Statuen, von denen im Moment aber nur eine zu sehen sein soll.

Dennoch entscheiden wir uns, den Eintrittspreis zu zahlen und betreten die Baustelle. Leider gibt es nicht wirklich viel zu sehen. Immerhin lauschen wir – also, vielmehr ich, weil die anderen kein Japanisch verstehen – einer Führung und lernen, dass der Unterschied beim Gebetsritual am Altar zwischen einem Schrein und einem Tempel der ist, dass man in einem Schrein eine Glocke läutet und im Tempel ein Feuer entfacht.

Bild 9. Hier im Teich verstecken sich ein paar Kois.

Bild 9. Hier im Teich verstecken sich ein paar Kois.

Bild 10. Ein schöner Turm.

Bild 10. Ein schöner Turm.

Wir steigen das Baugerüst sechs weitere Stockwerke in die Höhe und beobachten nun von oben die drinnen stattfindenden Bauarbeiten. Mit einem älteren japanischem Ehepaar werden Worte der Verwunderung ob der bebilderten (De)konstruktionsgeschichte dieser Halle ausgetauscht.

Wieder an der frischen Luft geht es nun um die Halle herum, an einer Grünanlage (s. Bild 9) mit Kois im Teich und dem 13.7 Meter hohen 相輪橖 Sōrintō (s. Bild 10), einem Turm zur Abwehr von Dämonen, vorbei bis zur 大護摩堂 Daigomadō (s. Bild 11), an der wir hören, dass eine Gebetssitzung stattfindet. Leise setzen wir uns hinzu.

Bild 11. Hier wohnen wir einer Gebetssitzung bei.

Bild 11. Hier wohnen wir einer Gebetssitzung bei.

Bild 12. Das ist der richtige Weg. (Wir schauen grad nur in die falsche Richtung.)

Bild 12. Der richtige Weg, wir schauen nur in die falsche Richtung.

Ohne ein Wort verstanden zu haben begeben wir uns nun auf einen großen Weg (s. Bild 12), der unser nächstes Ziel ankündigt (s. Bild 13), den






東照宮 Tōshōgū

Bild 13. Hier wird uns der Tōshōgū angekündigt.

Bild 13. Hier wird uns der Tōshōgū angekündigt.

Zu Ehren von 徳川家康 Tokugawa Ieyasu, einem der drei Reichseiniger Japans,6 der im Jahre 1600 in der 関ヶ原の戦い Sekigahara no tatakai (Schlacht von Sekigahara) 石田三成 Ishida Mitsunari besiegte und damit das Land in Frieden führte, wurde der Tōshōgū (Schrein) errichtet. Tokugawa wurde 1603 vom 天皇 Tennō7 zum 将軍 Shōgun ernannt.

Die ab 1600 unter seiner Familie herrschende Epoche bis 1868 – neben der, fast parallel von 1603 bis 1868 verlaufenden, 江戸時代 Edo-jidai (da Edo, das heutige Tokyo, 1603 zum Regierungssitz ernannt wurde) – wird daher auch als 徳川時代 Tokugawa-jidai bezeichnet.

Sein Sohn 徳川秀忠 Tokugawa Hidetata ließ im Jahre 1617 den Komplex errichten, auf den Wunsch des Vaters hin, dort begraben zu werden. Der dritte Shōgun der Dynastie, 徳川家光 Tokugawa Iemitsu, erweiterte schließlich in den 1630ern die Anlage und errichtete sich selber eine kleinere, bescheidenere Grabanlage, den 日光山輪王寺大猷院 Nikkōsan Rinnō-ji Taiyūin, in unmittelbarer Nähe.

Er initiierte auch die Prozessionen zu Ehren Tokugawa Ieyasus, die auch heute noch jährlich nachgestellt werden.

Bild 14. 2010 waren auch solche Gäste anwesend.

Bild 14. 2010 waren auch solche Gäste anwesend.

Ich war bisher nur einmal hier, 2010, und zwar im Herbst als eine der Prozessionen aus der Edo-Periode nachgestellt wurden.8 Ungewöhnliche Gäste waren aber auch hier vor Ort (s. Bild 14).

Bild 15. Hier geht's in den Eingangsbereich...

Bild 15. Hier geht’s in den Eingangsbereich…

Durch den Torbogen, den 一ノ鳥居 Ichi no torii (s. Bild 15), geht es zum Eingangsbereich des Tōshōgū. Dort bemerken wir zunächst einen fünfstöckigen – wohlgemerkt buddhistischen – Turm, den 五重塔 Gojū no tō (s. Bild 16), dessen jedes Dach, von unten nach oben, für die fünf Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft, Äther stehen soll.


Bild 16. ...aber zunächst gibt es einen buddhistischen Turm zu sehen.

Bild 16. …aber zunächst gibt es einen buddhistischen Turm zu sehen.

Warum ist ein buddhistischer Turm in einer shintōistischen Anlage? Und im größeren Maßstab: wieso sind Tempel und Schreine nebeneinander und an einem Ort? Und das seit mehr als 1000 Jahren?

Die ganze Anlage hier in Nikkō stellt ein Paradebeispiel der historisch begründeten friedlichen Koexistenz zwischen Shintōismus und Buddhismus dar. Das nimmt im Nationalpark Nikkō bisweilen solche Maße an, dass ein Wasserfall9 nach einem buddhistischen Sutra benannt ist – und traditionell gilt der Shintōismus als Naturreligion. Japan zeichnet sich daher dadurch aus, seit jeher eine polyreligiöse Haltung zu haben.

Das erklärt zu Teilen auch die Christenverfolgungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts; die ersten europäischen Expeditionen, die Japan erreichten – 1543 aus Portugal, welche zum Handel auch 1571 den Hafen von Nagasaki begründeten –, hatten zu großen Teilen Missionare an Bord, deren erklärtes Ziel es war, die Bevölkerung an nur einen Gott glauben zu lassen.

Darin sah die Regierung natürlich eine Bedrohung des status quo, da es in Japan üblich war und ist, mehrere Religionen zu akzeptieren und ihnen Folge zu leisten. Diese Einstellung widerspricht natürlich auch dem kirchlichen Ductus der damaligen Zeit, weswegen Konfliktpotential von Anfang an gegeben war.

Bis auf dieses Kapitel in der Geschichte Japans gab es keine größeren religiös motivierten Konflikte. Es hatte jedoch zur Folge, dass sich Japan in der Edo-Periode isolierte (1641 bis 1853) und Gesetze verabschiedete, die den Kontakt zu Ausländern unter Strafe stellte.

Eine Ausnahme bildeten dabei die Holländer, die aufgrund ihrer protestantischen und rein merkantilistischen Haltung nicht zur Missionierung, sondern zum Handel gekommen waren. Es etablierten sich daher die sog. 蘭学 rangaku („Hollandstudien“), da über Holland das westliche Wissen bezüglich Medizin oder Feuerwaffen nach Japan gelangte.

Bild 17. Eine begraste Laterne...

Bild 17. Eine begraste Laterne.

Nicht nur die grüne Umgebung, die sich sogar auf alten Laternen bemerkbar macht (s. Bild 17) finde ich sehr toll; während die anderen in der Schlange vor der Kasse stehen, entferne ich mich kurz, weil ich mich fasziniert von einer Reihe an alten Laternen zeige (s. Bild 18), die neben dem Tōshōgū-Gelände entlang führt. Da die Schlange lang ist, kann ich mir solche Spielereien erlauben, was die Anderen jedoch davon halten, weiß ich nicht.

In der Schlange zurück trete ich nach vorne und ordere sprachgewandt drei Tickets, mit denen es uns nun erlaubt ist, die Schreinanlage zu betreten. Dass man für fast jeden einzelnen Schrein oder Tempel Eintritt zahlen muss, gerät irgendwann in Vergessenheit…

Bild 18. Eine Laternenstraße.

Bild 18. …und eine Laternenstraße.

An dem 神厩舎 Shinkyūsha, dem Stall für die heiligen Pferde des Schreins, entdecken wir die mittlerweile weltberühmten 三猿 San’en („Drei Affen“, s. Titelbild, Mitte), die die buddhistische Maxime „nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen“ verbildlichen.10 Ich sehe sie immer wieder gerne.

Bild 19. Eine Heilige Aufbewahrungshalle.

Bild 19. Eine Heilige Aufbewahrungshalle.

Bild 20. Hier werden auch Sachen aufbewahrt.

Bild 20. Hier werden auch Sachen aufbewahrt.

Wir passieren dabei die 三神庫 Sanjinko, die drei heiligen Lager (s. Bilder 19 und 20), in denen die Festgegenstände aufbewahrt werden, und begeben uns nun zu der Haupthalle. Dabei müssen wir feststellen, dass das Eingangstor, der 陽明門 Yōmeimon („Tor des Sonnenlichtes“) wegen Wartungsarbeiten zugedeckt ist. Immerhin habe ich das Tor 2010 schon einmal gesehen; ein ungemein detailverliebt verziertes Tor, muss ich sagen.

Bild 21. Endlich kann ich ihn vollständig sehen.

Bild 21. Endlich kann ich ihn vollständig sehen.

Bild 22. Viele Wappen...

Bild 22. Viele Wappen…

Dafür ist jetzt, im Gegensatz zu 2010, der 本殿 Honden („Hauptschrein“) vollständig zu sehen (s. Bild 21). Es ist dabei faszinierend, dass das Wappen der Tokugawa auf jeder Gesimsspitze thront (s. Bild 22). Zudem ist die Verzierungs- und Farbvielfalt (der gesamten Anlage, wie man sieht) sehr einnehmend. Es wirkt schon fast chinesisch und nicht grade schlicht.

Wir betreten den Schrein und müssen dabei, wie es sich gehört, die Schuhe ausziehen. Wir folgen den überdachten Außengängen, als Regen über uns herabfällt.

Bild 23. Und es beginnt zu regnen!

Bild 23. Und es beginnt zu regnen!

Ich stelle mich am Fuße der Treppe zur Halle an die Ecke, sodass ich den Regen ein wenig abbekomme und schaue an der Holzfassade hoch; das Wasser fließt von der Dachkante herunter, die Sonne macht sich trotz der Wolken erkenntlich, die Goldverzierungen werden in Licht getaucht (andere Stelle, aber s. Bild 23). Ein herrlicher Moment.

Wir setzen uns, wie alle anderen Anwesenden auch, in der Halle auf den Boden und hören dem Priester zu, der – zu leise für uns hier hinten, um ihn zu verstehen – irgendetwas erklärt. Wie in einer Schafherde stehen wir auf, als auch die anderen aufstehen und gehen durch die Halle, als auch die anderen durch die Halle gehen.

Am Verkaufsstand am Ausgang der Halle nach draußen tretend stellen wir fest, dass es immer noch sehr stark regnet. Auf dem Gang sitzen bereits sehr viele Leute; manche versperren sogar den Durchgang zu den Schuhschränken.

Bild 24. Mit dem Regen geht es aber weiter.

Bild 24. Mit dem Regen geht es aber weiter.

Da ein bisschen Wasser jedoch noch niemandem geschadet hat, ziehen wir uns unsere Schuhe (und Regenjacken) an. Meine Kamera schütze ich mit einer handlichen „Kameraregenjacke“ – der Einkauf vor zweieinhalb Jahren hat sich also doch gelohnt.

Bild 25. Man sieht das Ganze mal von oben.

Bild 25. Man sieht das Ganze mal von oben.

Wir gehen über nasse Wege (gibt es was schöneres als einen Wald nach dem Regen?) an der 眠り猫 nemuri neko („Schlafende Katze“), die über dem Osttor gemalt ist, hindurch und steigen einen sehr schönen Weg hinauf (s. Bilder 24 und 25), der uns über eine 207-stufige Treppe führt.

Schließlich erreichen wir einen kleineren Schrein, hinter dem sich der 奥宮宝塔 Okumiya Hōtō befindet (s. Bild 26), in dem die Gebeine Tokugawa Ieyasus liegen.

Bild 26. Hier sind die Überreste des Tokugawa Ieyasu.

Bild 26. Hier sind die Überreste des Tokugawa Ieyasu.

Einmal umrundet bietet sich die Gelegenheit, den Fremdlingen das Beten auf Japanisch beizubringen. Geld rein, verbeugen, zwei Mal lang klatschen, Hände aneinander und an den Kopf, beten, Hände senken, verbeugen und gehen. So einfach ist das.

Es geht wieder runter durch das Dickicht des post-regnerischen Waldes und wir schlendern Richtung Ausgang, als wir uns an der Treppe beim Yōmeimon entscheiden, rechts abzubiegen und mit vielen anderen (vielleicht gehen wir deshalb rein?) und ohne zu wissen, was uns erwartet, die 薬師堂 Yakushidō zu betreten.

Es geht im Schneckentempo voran und als wir schließlich zwei Ecken geschafft haben, bleiben wir im Eingang des Hauptzimmers stehen. Es scheint, als wolle der nette, glatzköpfige Priester uns und den anderen etwas erklären.

Bild 27. Eine wunderschöne Atmosphäre herrscht hier auf der Straße.

Bild 27. Eine wunderschöne Atmosphäre herrscht hier auf der Straße.

Er lenkt die Aufmerksamkeit auf das an der Decke befindliche 6 x 15 Meter große Bild eines Drachen. Er erklärt, dass man in dieser Halle den Heulenden Drachen (daher der japanische Name 鳴竜 Nakiryū) hört, wenn man direkt unter dem Bild stehend laut zwei 拍子木 hyōshigi (Schlaghölzer) schlägt.

Bild 28. Eine interessante Konstruktion begrüßt uns.

Bild 28. Eine interessante Konstruktion begrüßt uns.

Demonstrativ beginnt er damit, am Rande der Bildprojektion auf unserer Ebene die Schlaghölzer zum Klingen zu bringen. Sie erzeugen nur einen kurzen hohen Ton. Daraufhin begibt er sich direkt unter das Bild – derweil erklärt er schön auf Japanisch weiter und für die ausländischen Gäste wiederholt er gefühlt ein Prozent dessen – und erzeugt durch den Schlag nun ein lang anhaltendes, durch die Halle hindurch bis nach draußen hallend klingendes Echo (oder ist es umgekehrt und es kommt von draußen?).

Bild 29. Und hier ist der Frosch.

Bild 29. Und hier ist der Frosch.

Nachdem wir uns also dabei einen Drachen vor Augen und Ohren geführt haben, dürfen wir nun den Rest der Halle passieren. Sonst gibt es hier eigentlich nicht mehr viel zu sehen – außer dem obligatorischen Verkaufsstand am Ende einer jeden Hallenrunde, an dem お守り omamori (eine Art Talismane) verkauft werden –, weswegen wir uns auf die Weiterreise begeben.

Bild 30. Ok, das war gemein. Hier ist der Frosch.

Bild 30. Ok, das war gemein. Hier ist der Frosch.

Nun ist es nämlich Zeit, uns rechtzeitig Richtung Herberge aufzumachen, da wir sonst das Abendessen verpassen würden. Auf dem Weg zur Bushaltestelle gehen wir noch über eine malerische Straße (s. Bild 27), die einen Wasserleitungsschutz (s. Bild 28) und einen Frosch zu bieten hat (s. Bilder 29 und 30).

Bild 31. Hier hat sich Tokugawa Iemitsu ein Denkmal gesetzt.

Bild 31. Hier hat sich Tokugawa Iemitsu ein Denkmal gesetzt.

Sie mündet am bereits erwähnten Taiyūin (s. Bild 31 von der Schatzhalle), den wir leider weder heute noch morgen besuchen werden. Danach kommen wir an schönen Laternen (s. Bild 32), frittierten Fischen und einer idyllischen Waldszene (s. Bild 33) vorbei.

Bild 32. Eine sehr schöne Laterne...

Bild 32. Eine sehr schöne Laterne…

Unten, nun mehren sich die Geschäfte, kaufen wir leckeres カステラ Castella11 als Nachtisch. Der Himmel hat sich wieder ein wenig aufgeklart (s. Bild 34) und gegenüber der Bushaltestelle entdecken wir noch eine Kirche, die architektonisch wegen der gedeckten Farben nicht so sehr wie ein Fremdkörper aussieht, wie man es erwarten würde (s. Bild 35).

Bild 33. ...und ein Bach erfreuen uns.

Bild 33. …und ein Bach erfreuen uns.

Mit dem Bus geht es nun ca. 40 Minuten über Serpentinen und Berge. Hier kann man sich ein wenig entspannen, die Augen schließen oder aber auch die majestätische Landschaft genießen (s. Bilder 36 und 37).

Bild 34. Die Sonne lässt sich wieder blicken. Es wird wärmer...

Bild 34. Die Sonne lässt sich wieder blicken. Es wird wärmer…

Unser Ziel ist der auf 1269 Metern Höhe gelegene 中禅寺湖 Chuzenjiko, ein absolut fantastischer See (s. Bild 38). An einer Brücke gibt es natürlich wieder eine schöne alte Laterne (s. Bild 39) und erstaunt stelle ich fest, dass der große rote Torbogen an der Straße (s. Bild 40) auch zu dem Futarasan-Schrein gehört.

Bild 35. Eine Kirche in Japan.

Bild 35. Eine Kirche in Japan.

Wir erblicken eine Spinne (s. Bild 41) und Schwanenboote. Wie gut, dass die Leute hier wissen, wie man Tretboote baut. „Das Schwierige ist der Pedalteil, nicht der Schwanenteil. Der Schwanenteil ist ein Schnabel und ein weißer Hals.“ (So teilt man uns mit.) Aber reden wir nicht mehr davon. Jetzt müssen wir erstmal ein Hotel finden.

Bild 36. Busimpression 1.

Bild 36. Busimpression 1.

Gesagt, getan. Wir betreten gegen 18 Uhr das 幸の湖ホテル Sachinoko Hotel12. Wir bekommen ein schönes Tatami13-Zimmer (s. Bild 42). Zunächst öffnen wir den Zugang zu unserem „Wintergarten“ und freuen uns ob des Seeblicks (s. Bild 43).

Bild 37. Busimpression 2 (in 16 zu 9).

Bild 37. Busimpression 2 (in 16 zu 9).

Jetzt können wir uns endlich entspannen und während wir auf das Abendessen warten, schauen wir uns noch auf Empfehlung im Fernsehen die Sendung YOUはにしに日本へ? Why are YOU in Japan? an, in der Ausländern am Flughafen ebendiese Frage gestellt wird. Sehr unterhaltsame Sendung.

Wir bereiten uns dabei Tee zu (s. Bild 44) und erfragen bei dem Hotelmitarbeiter ein Messer – für die Castella, wohlgemerkt. Aber was er in diesem Moment wohl denkt…

Bild 39. Der malerische Chuzenji-See.

Bild 38. Der malerische Chuzenji-See.

Bild 39. Mir haben's die Laternen angetan.

Bild 39. Mir haben’s die Laternen angetan.

Bild 40. Gehört auch zum Futarasan-jinja.

Bild 40. Gehört auch zum Futarasan-jinja.

Gegen 19:15 Uhr bekommen wir das Abendessen auf’s Zimmer gebracht. Etwas wenig, aber lecker ist es schon. Danach werden praktischerweise schon unsere 布団 Futon ausgebreitet, sodass wir uns sorgenlos ins 温泉 Onsen begeben können.

Nach der Anprobe der 浴衣 Yukata und den dazugehörigen 半纏 Hanten fühlen wir uns bereit für das Bad. Ich führe theoretisch in die Onsenkultur ein und mit Spannung auf der anderen Seite geht es in die heiße Quelle.

Bild 41. Eine Spinne beim Verzehr.

Bild 41. Eine Spinne beim Verzehr.

Bild 42. So gemütlich haben wir es.

Bild 42. So gemütlich haben wir es.

Von erfrischend heißem Wasser mit leichtem Schwefelgeruch umhüllt genießen wir die Ruhe des Onsen (die anderen Gäste waren wohl schon vor dem Abendessen hier)14 und nach der nun wirklich erfrischenden Dusche machen wir es uns im Zimmer bequem und sehnen der Nachtruhe entgegen.

Einmal an der Schnur (der Lampe) ziehen und noch einmal ziehen. Das Licht ist aus.

Bild 43. Der Blick aus unserem Zimmer...

Bild 43. Der Blick aus unserem Zimmer…

Bild 44. Und eine Tasse Tee zum Abschluss.

Bild 44. Und eine Tasse Tee zum Abschluss.


Mumon

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Fußnoten

Da die Bilder aus Dubai im Gesamten eher so durchschnittlich waren, was an fehlender Ausrüstung (kein Polfilter für’s Zoomobjektiv, kein abbildungsstarkes WW- bzw. UWW-Objektiv) und daran lag, dass vieles bei Hitze im Vorbeigehen geschossen wurde – zudem hatte ich nicht die Zeit, mir viele Gedanken über Komposition zu machen, was in Japan anders ist, da ich hier ein paar Orte bereits kenne und daher mental vorarbeiten kann –, verspreche ich Euch nun gute Fotos aus Japan!

東武 Tōbu ist übrigens eine private Bahngesellschaft, der – wie häufig in Japan, z.B. bei 小田急 Odakyū, 西武 Seibu oder 阪急 Hankyū – Kaufhäuser, Wohnungen oder in diesem Falle sogar ein Zoo gehören.

Ihm begegnen wir später noch einmal; er muss mich darauf hinweisen, dass ich ihm in der Post geholfen habe, da ich wohl zu lange in sein Gesicht starre, ohne zu wissen, wer er ist.

Das ist eigentlich doppelt gemoppelt, da 橋 kyō schon „Brücke“ bedeutet.

Im Endeffekt wird die Halle gerade neu errichtet, der Bauschluss ist voraussichtlich 2019.

Neben 織田信長 Oda Nobunaga und 豊臣秀吉 Toyotomi Hideyoshi.

Der zu dem Zeitpunkt eine de facto nur symbolische Rolle spielte, da sein Machteinfluss seit dem späten 12. Jahrhundert zunehmends sank.

8 Die Fotos sind leider auf einer Festplatte in Deutschland…

Spannung auf den nächsten Tag…

10 Auch wenn im Westen fälschlicherweise eine Interpretation in Richtung „alles Schlechte ignorieren“ vorherrscht, finde ich die künstlerische Auseinandersetzung Keith Harings vor diesem Interpretationshintergrund sehr interessant.

11 Eine ursprünglich portugiesische Süßware, vom Namen Pão de Castela = Brot aus der Kastille.

12 Es ist eher ein 旅館 Ryokan, denn ein Hotel.

13 畳 tatami sind japanische Strohmatten. Einfach auf’s Bild 43 schauen.

14 So macht man das eigentlich…

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