Die Gedenktafel

Diese Gedenktafel entdeckte ich vor einiger Zeit in Berlin, in der Unterführung am Bahnhof Friedrichstraße. Irgendetwas an dieser Tafel gab es, das meinen Blick sofort anzog; was merkwürdig ist, da normalerweise solche isolierten Tafeln ja ignoriert werden.

Was also brachte mich dazu, meinen Blick in jenem Moment auf diese Tafel zu richten?

Die Gedenktafel

Ich komme nicht umhin, bei diesem Anblick nach wie vor amüsiert und zugleich erschrocken von dem Dilettantismus zu sein, der offensichtlich in die Gestaltung des Textes ging. Wenn man Nazi-Verbrechen öffentlich anklagt, dann sollte man es möglichst vermeiden, Nazi-Jargon dabei zu verwenden. Dem würde wohl jeder zustimmen. Schließlich gilt hier zur Abwechslung mal nicht: „Gleich und Gleich gesellt sich gern“.

Allerdings, genau wie der Begriff „Entnazifizierung“ ein Paradebeispiel historisch-linguistischer Ironie ist, so kann ich immer noch nicht ganz wahrhaben, dass man diese „SS-Banditen“ tatsächlich als „entmenscht“ bezeichnet.

Victor Klemperer schreibt einleitend in seinem sehr empfehlenswerten Buch LTI [1]: „Die Sprache des Dritten Reiches hat aus neuen Bedürfnissen heraus der distanzierenden Vorsilbe ent einigen Zuwachs zuteil werden lassen […]“ ([1], S. 7).

Darunter fallen Begriffe wie „entdunkeln“ (das Gegenteil von „verdunkeln“), „entbittern“ und „entrümpeln“ (so sieht’s aus1). Auch wenn das Wort „entmenschen“ bereits im 17. Jahrhundert aufkommt2 – dadurch wirkt es allerdings erst recht „teutsch“ –, liegt es doch nahe, dass seit dem Ende des zweiten Weltkrieges vor allem diesem Begriff ein bitterer Beigeschmack beiwohnt.

Zum Wort „Entnazifizierung“ schreibt Victor Klemperer weitergehend: „Ich wünsche nicht und glaube auch nicht, daß [sic!] das scheußliche Wort ein dauerndes Leben behält; es wird versinken und nur noch ein geschichtliches Dasein führen, sobald seine Gegenwartspflicht erfüllt ist.“ ([1], S. 7)

In der Tat kam der Begriff in meiner Schulzeit im Geschichtsunterricht vor, als Relikt vergangener Zeiten. Denn dorthin gehört der Begriff auch. Ich möchte natürlich nicht behaupten, dass „der Zustand, den er beenden sollte“ ([1], S. 8), tatsächlich nicht mehr vorhanden ist; dass er das nicht ist, lehrten uns nur zu gut alle möglichen Vorfälle in den vergangenen Jahrzehnten, so z.B. die NSU-Anschläge, die 2011 publik wurden.

Dass die „Gegenwartspflicht“ des Begriffes demnach auf der Bedeutungsebene noch präsent ist, ist nicht zu leugnen. Kritischerweise führten u.a. die NSU-Vorfälle jedoch zu einem erneuten Aufkommen des Begriffes [4], welches diesem mediale Distribution und somit Gewahrwerdung im öffentlichen Diskurs bescherte – auch auf rein lexikalischer Ebene und genau das ist das Kritische.

Statt also mit dem Wort von einer vergangenen Tatsache zu sprechen – einer kurz andauernden (s. histor. Exkurs) Phase der juristischen Beschäftigung mit der unmittelbaren Vergangenheit (deren Erfolg oder Misserfolg ich vorerst außen vor lasse) –, war auf einmal von einer „konsequente[n] Entnazifizierung Deutschlands“ [4] als einer gegenwärtigen Aufgabe die Rede.

Dabei wäre es zu wünschen gewesen, dass der Begriff als solcher Artefakt geblieben wäre und man, wenn auch der Prozess noch nicht beendet ist, so doch vielleicht dazu in der Lage gewesen wäre, einen nicht so geladenen Begriff für ebendiesen Prozess zu benutzen.

Denn dass die „Entnazifizierung“ damals bereits früh ein Ende fand, dass das gesellschaftliche Interesse an den Folgen der stümperhaften Ausführung gering war, daran kann man heute nichts ändern. Wären damals der öffentliche Widerstand und die Bereitschaft zu diskutieren größer gewesen, so hätte natürlich auch der Begriff länger überlebt.

Allerdings ist es gerade dieses geschichtliche Versäumnis, das uns Jahre und Jahrzehnte später die Möglichkeit gegeben hat und gibt, uns damit näher auseinanderzusetzen. Was damit einhergeht ist die kritische Betrachtung der Sprache, mit der über einen Sachverhalt diskutiert wird. Sollten wir also nicht unser Bestes tun, den Jargon, mit dem das Thema damals besprochen wurde, als etwas Historisches zu belassen? Zumal man in all den Jahren hätte erkennen können, dass die Wortwahl nicht sehr gelungen ist.

Sollten wir uns daher nicht mehr Gedanken darüber machen, wie und in welchen Worten etwas vermittelt werden soll?

Ich stimme schließlich damit überein, dass „nicht nur das nazistische Tun, sondern auch die nazistische Gesinnung […] und ihr Nährboden: die Sprache des Nazismus“ ([1], S. 8) aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwinden müssen. Dass das auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, noch nicht restlos geschehen ist, stimmt mich ein wenig traurig…


Mumon

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Fußnoten

1 Das „Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache“ DWDS (http://www.dwds.de) gibt als erstes Vorkommen des Wortes „Entrümpelung“ das Jahr 1935 an.
Z.B. findet man dann im „Archiv der Gegenwart, 5, 1935“ ([2], S. 2102) den tollen Satz: „Hierzu gehört die Entrümpelung der Dachböden, die im Reichsdurchschnitt zu 60% durchgeführt ist, Imprägnierung der hölzernen Dachkonstruktionen, Herrichtung von Schutzräumen (gesichert gegen Sprengbomben und gegen Eindringung von Kampfgasen) […]“ (Zitat mitsamt Fettmarkierung nach DWDS)

2 Erneut DWDS: eine Suche nach „entmenschen“ gibt als ältestes Vorkommen 1652 an. In der Quelle [3] ist der Kontext wie folgt: „Ich weiß nicht / sagte sie die Seele voller Seel / warüm doch nur und wie die Menschen so entmenscht so thöricht sich versinnen / und wider Gott und Ehr nach Wollust Lust gewinnen ; bey mir find ich das nicht […]“ (Zitat mitsamt Fettmarkierung nach DWDS)


Quellen

[1] Klemperer, Victor. LTI. Notizbuch eines Philologen. Stuttgart: Reclam. 23. Auflage. 2007.

[2] o.A. Luftschutz [21.06.35]. In: Archiv der Gegenwart 1931-2000. Sankt Augustin: Siegler. 2001.

[3] Birken, Sigmund von. Die Fried-erfreute Teutonje. Nürnberg. 1652.

[4] http://www.migazin.de/2012/02/27/deutschland-entnazifizieren/

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