„Sinfonie der Tausend“

Nachdem ich vor ein paar Tagen erschrocken feststellte, dass ich nur vier von Mahlers neun Sinfonien kenne (namentlich Nr. 2, 3, 5 und 9), entschloss ich mich am Wochenende nach kurzer Recherche, mir Mahlers achte Sinfonie zu kaufen – die sog. „Sinfonie der Tausend“1. Der Beiname sprach mich doch an, muss ich sagen.

Und der Name ist Programm! Die Riesenbesetzung besteht bei dieser Aufnahme (1971) aus dem Chicago Symphony Orchestra unter Sir Georg Solti, dem Wiener Staatsopernchor, dem Wiener Singverein, den Wiener Sängerknaben und acht Solisten.2 Zusätzlich finden wir hier auch Glocken, ein Klavier und eine Orgel. Und zwar nicht so dezent wie in Dvořáks „Stabat Mater“, sondern eher so prominent und durchschlagend – wenn nicht durchschlagender – wie in der „Zarathustra“-Vertonung von Strauss.

Stellt der erste Teil der zweiteiligen Sinfonie eine Vertonung des mittelalterlichen Hymnus „Veni creator spiritus“ dar, handelt es sich beim zweiten Teil um eine Vertonung der Schlussszene aus Goethes „Faust II“. Inhaltlich verbindet die beiden Teile – man bedenke: der erste Text ist auf Latein und stammt aus dem 9. Jh., der zweite auf Deutsch und aus dem 19. Jh. – die Themen der Liebe und der Erlösung; Liebe als erlösendes Moment unter Gottes Gnade, könnte man fast sagen.

Der Großteil der Sinfonie ist vokal getragen und vom ersten Teil geht eine enorme Fulminanz aus, dass es einem den Atem raubt. Der Spannungsaufbau des ersten Teils ist Wahnsinn und es entfaltet sich eine überwältigende Dynamik. Die Solisten treten hier zwar eher komplementär zum Chor auf, aber faszinierend ist die polyphone Struktur allemal – vor allem in diesem Größenmaß. Was ich zudem beeindruckend finde, ist die Differenziertheit aller Stimmen, obwohl sie manchmal zur Überladung zu neigen drohen.

Was im ersten Teil allerdings an Atem genommen wird, wird einem im zweiten Teil zurückgegeben – bzw. man hat jetzt mehr Zeit zum Atmen. Der zweite Teil ist insgesamt ruhiger und elegischer und ist vor allem durch Solopassagen der Sänger charakterisiert. Damit wirkt das Ganze teilweise sehr opernhaft, wofür Solti aber ja der Richtige ist.

Es sei angemerkt, dass diese Sinfonie im Gegensatz zur 9. „klassischer“ orientiert ist, was für manche eventuell ein Beachtungskriterium sein könnte. Obwohl wir den (leicht) tonal progressiven Mahler hier natürlich ebenfalls vorfinden.

Vor allem aber die Kontraste auf inhaltlicher wie musikalischer Ebene sind es, die meiner Meinung nach diese Sinfonie so hörenswert machen. Eine gewisse spirituelle Ruhe wechselt sich mit kräftigem und gefühlsbetontem Gesang ab, der in dieser Form vom Orchester unterstützt wird. Und was da an aufbrausend-majestätischer Wucht aufkommt – vor allem in den Schlusssätzen –, lasse ich mal unbeschrieben. „Reinhören“, lautet da die Devise. Hier wird einem der Atem wieder genommen.

Noch kurz etwas zur Einspielung: Soltis analytische Präzision ohne emotionalen Verlust3 besticht die ganze Zeit über, das Orchester und die Solisten spielen/singen ebenfalls astrein. Und obwohl es sich um eine Studioaufnahme handelt, hat mich die Räumlichkeit positiv überrascht.

Hier äußert sich Solti noch selbst zu der Sinfonie:

Bei dieser Empfehlung belasse ich es dann für heute.


Mumon

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Fußnoten

1 Der Beiname stammt nicht von Mahler, sondern von einer an der Uraufführung beteiligten Person.

Mich würde interessieren, wie viele Leute bei dieser Aufnahme beteiligt waren; so haben wohl bei einer Aufführung 2010 insgesamt 1600 Sänger und 180 Solisten gespielt (http://www.du2010.de/projekte/sinfonie-der-tausend). Was für ein Erlebnis das gewesen sein muss!

3 Die seine Aufnahmen von Beethovens 7. und 8. Sinfonie meines Erachtens nach besser machen als die Aufnahmen von z.B. Karajan.

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