On the Road in Kyōto – 1

Der Eingangsbereich des Kiyomizudera

Heute haben wir es zur Abwechslung nicht eilig. Wir können daher entspannt frühstücken, bevor wir uns gegen 12 Uhr in Richtung 東京駅 Tōkyō Bahnhof begeben. Da wir bereits darin bewandert sind, von einer Hauptstadt in die nächste zu reisen, machen wir deshalb in dieser Art weiter.

Jedoch verlassen wir nicht das Land und Japan hat natürlich auch keine zwei Hauptstädte. Vielmehr geht es von der jetzigen in eine alte Hauptstadt – 京都 Kyōto lautet nämlich unser Ziel.


Tag 1 – Donnerstag, 21. August

Während ich seit Jahren auch mal wieder in einem 新幹線 Shinkansen fahre, der diese 513.6km lange Strecke in gemütlichen 2 Stunden 17 Minuten hinlegt, lese ich abwechselnd im Reiseführer1 für Kyōto und die aktuellen Nachrichten, die praktischerweise an jedem Wagenende über der Tür angezeigt werden. Fast wie im Bus zwischen Aix-en-Provence und Marseille – mal abgesehen von der sehr suspekten Werbung für ein Unternehmen, das aus Windeln Energie erzeugt. Sehr… interessant…

Wir begeben uns in eine Region, die in den vergangenen Tagen von heftigen Regenschauern heimgesucht wurde. In 広島 Hiroshima kam es dabei gestern sogar zu einem Erdrutsch [1], der massive Schäden angerichtet hat.2

Das Wetter scheint uns aber wohlgesinnt, als wir 京都 Kyōto erreichen.


京都 Kyōto

Kyōto, ehemals 平安京 Heiankyō genannt, war von 794 bis 1192 die Hauptstadt Japans. Diese Epoche wird daher auch 平安時代 Heian-jidai genannt. Auch zu Zeiten anderer Hauptstädte (bis 1868) verblieb Kyōto Kaiserresidenz, zumal der Kaiser seinen politischen Einfluss seit dem späten 12. Jh. zusehends verlor.3

Aufgrund des im 8. Jh. stärker werdenden politischen Einflusses buddhistischer Klöster in der und um die vorige Hauptstadt 奈良 Nara entschied sich Kaiser 桓武 Kammu dazu, mit Allierten der 藤原氏 Fujiwara-shi nach Kyōto umzuziehen.

Die Heian-Periode gilt als Blütezeit der japanischen Literatur. Dies liegt daran, dass mit der erst im 7. Jh. eingeführten chinesischen Schrift in Japan auch die erste Literatur und Lyrik (和歌 waka) in dieser Zeit zustande kamen. Dabei wurde eines der berühmtesten und historisch bedeutendsten Werke der Weltliteratur, die 源氏物語 Genji monogatari („Geschichte vom Prinzen Genji“), in der (späten) Heian-Periode verfasst.

Man muss jedoch beachten, dass es sich in dieser Zeit hauptsächlich um höfische Literatur und im weiteren Sinne um die Verfeinerung der höfischen Kultur handelte. Bemerkenswert ist jedoch, dass z.B. die Genji monogatari von einer Frau verfasst wurde. Da es als unhöflich galt, dass eine Frau Kanji (ergo die chinesischen Schriftzeichen) erlernt, entstanden zu dieser Zeit damit auch die Hiragana (die jap. Silbenschrift), damals 女手 onnade („Frauenhand“) genannt.

Da wir die Handlungsoptionen bereits im Zug durchgegangen sind, machen wir uns zunächst zu unserem Hostel auf. Dafür nehmen wir den Bus.

Der auffälligste Unterschied zu den Bussen in Tōkyō ist der – und für die, die sich wundern, dass es in einer Bahnstadt (nicht die in HD) wie Tōkyō auch Busse, die keine Touris durch die Stadt fahren, gibt: im Kaff, in dem ich wohne, muss man mit dem Bus mind. fünf Minuten bis zum nächsten Bahnhof fahren; und bis zu 30 Minuten, je nach dem, welchen Bahnhof man ansteuert.

Erneut: der auffälligste Unterschied ist der, dass man das Bargeld passend bereithalten muss, weil es wohl kein Wechselgeld gibt. Darauf wird man, japantypisch, auf mehrere Sinne ausgerichtet gleichzeitig hingewiesen. Wer die Schilder nicht lesen kann, soll wenigstens die automatische Ansage hören. Oder so.

Apropos Ansagen in Bussen: beiden Städten ist wohl gemein, dass der Busfahrer jede seiner Handlungen ins Mikro spricht („Wir biegen jetzt links ab.“ „Wir fahren an. Bitte halten Sie sich fest.“). Das führt bisweilen auch dazu, dass, in den seltenen Momenten, in denen er (und sonst niemand) mal nicht spricht, sein gleichmäßiges Atmen durch die Lautsprecher schallt. Manch einen könnte sowas glatt zur Weißglut bringen…

Schlimmer als das ist aber, dass häufig die automatische Ansagenfrau und der Busfahrer gleichzeitig reden. Und zwar sagen sie sinnvollerweise, höchstens zwei Sekunden versetzt, das Gleiche: „Die nächste Haltestelle ist X“. Für wen auch immer das gedacht ist.

Bild 1. Analog aufpoppende Schilder markieren den Standort des Busses.

Bild 1. Analog aufpoppende Schilder markieren den Standort des Busses.

Des Weiteren – und das exemplifiziert das Klischee von Kyōto als, im Vergleich zu Tōkyō, antiker Stadt – wird der Busstandort (zwei Stationen vor der eigenen – eine Station vor der eigenen – an der eigenen Station) noch analog durch aufpoppende Minischilder (s. Bild 1) indiziert.

Wie auch immer, es geht nun ungefähr 20 Minuten über überfüllte Straßen, bis wir schlussendlich, sehr zentral, an der 四条通 Shijō dōri (Shijō-Straße) ankommen. Unser Hostel ist in der Straße gegenüber einer großflächig angelegten 商店街 shōtengai (Einkaufsarkaden), sodass wir es recht schnell finden.

Bevor wir das Khaosan Kyoto Guesthouse betreten, erwähne ich noch, dass man die Pässe zum Einchecken bereithalten sollte. Dass eine Person ihn nicht dabei hat, erweist sich bei der Ankunft dann auch als Problem. Diese Person muss separat einchecken, bekommt aber kulanterweise bis heute Abend Zeit, in irgendeiner Form einen Scan eines Lichtbildausweises per Mail zu schicken.

Durchatmen und auf die Zimmer – diesmal haben wir schließlich separate Zimmer, nachdem es meinen Begleitern wohl etwas zu viel geworden wäre, erneut in einem jap. Tatamizimmer zu dritt zu übernachten. Dafür haben wir jetzt Zimmer, deren Betten für manch einen Europäer vielleicht zu kurz wären…

Man entspannt sich kurz, denn es geht bald weiter – um diese Uhrzeit kann man nämlich viele Sehenswürdigkeiten nicht mehr betreten. Jedoch ist zum Glück einer der Hotspots Kyōtos noch zu betreten, sodass wir uns nun zu Fuß dorthin aufmachen.

Eigentlich wollten wir zwar einen Bus nehmen, aber da wir wieder unser Talent ausgespielt haben, Busse, die wir eigentlich nehmen müssen, vor unserer Nase abfahren zu sehen, bleibt uns nichts anderes übrig, als zu Fuß zu gehen. Es kommt so schnell nämlich kein Bus mehr.

Es geht die Shijō-Straße östlich entlang, über eine Brücke, die an jeder Ecke pompöse, sehr europäisch aussehende Bauten bereithält. Wir müssen am 西桜門 Nishizakuramon des 八坂神社 Yasaka-jinja rechts abbiegen. Den Schrein merken wir uns dennoch für später mal vor.

Den Schildern folgend erreichen wir die Abzweigung, die uns nun auf den 東山 Higashiyama („Östlicher Berg“) bringt. Es geht steil die 松原道 Matsubaradō bergauf, viele Leute sind – wie es sich für eine historische Hauptstadt geziemt – in 着物 Kimono4 unterwegs. Da wir es aber eilig haben, dürfen unsere Augen nicht so lange auf diesen hübschen Kleidern bleiben.

Was uns aber wohl (manchmal auch negativ) auffällt sind die Autos, die sich hier durchquetschen und eine etwas ambivalente Haltung gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern zeigen. Darunter fallen auch die 人力車 jinrikisha-Zieher, die munter drauf loserzählen, während sie zwei Passagiere den Berg herunterziehen (nachdem sie sie vorher natürlich irgendwann hochgezogen haben).

Bild 2. Katanaschirme!

Bild 2. Katanaschirme!

Für die Läden an der Seite haben wir ebenfalls keine Zeit. Wie ich später sehe, hätte ich dann eigentlich einen Katana-Schirm (Bild 2) in die Hand nehmen können. Eine verpasste Chance.

Auch wenn die Paranoia meinerseits befürchten lässt, dass wir es grade so auf den letzten Drücker schaffen, haben wir Glück. Zumal man heute sogar noch eine halbe Stunde länger bleiben kann als sonst. Insgesamt bleibt uns damit eine Stunde Zeit, um unser Ziel zu erkunden, den


清水寺 Kiyomizudera

Bild 3. Zeitig treffen wir am Eingang des Kiyomizudera ein.

Bild 3. Zeitig treffen wir am Eingang des Kiyomizudera ein.

Der 清水寺 Kiyomizudera, der nach dem gleichnamigen Wasserfall auf dem Gelände benannt ist (清水 kiyomizu bedeutet „reines Wasser“), wurde bereits 798 gegründet. Jedoch gehen die heute vorhandenen Gebäude auf 徳川家光 Tokugawa Iemitsu zurück, der sie 1633 errichten ließ. Man sagt, dass zur Konstruktion der Bauten kein einziger Nagel verwendet worden sei. Er ist, gemeinsam mit anderen historischen Stätten in Kyōto, seit 1994 ein Weltkulturerbe.

Bild 4. Ob auch alle Wünsche in Erfüllung gehen?

Bild 4. Ob auch alle Wünsche in Erfüllung gehen?

Wir erreichen eingangs das 仁王門 Niōmon (s. Bild 3) und begeben uns nach oben zum Ticketschalter. Wir passieren einen Stand, an dem sog. 絵馬 ema (wörtl. „Pferdebilder“) aufgehängt werden, die je nach Tierkreiszeichen des Jahres ein anderes Tier auf der Front haben und auf der Rückseite den Wunsch des Wünschers. Interessant ist dabei, dass neben der traditionellen Kunst auch modernes Graffiti und Aufkleber an dem Stand vorhanden sind (s. Bild 4).

Bild 5. Machen schöne Geräusche im Wind.

Bild 5. Machen schöne Geräusche im Wind.

Danach kommen wir an zwei Ansammlungen von sog. 風鈴 fūrin, an Klingeln hängende, glänzende Papierstreifen, vorbei, die sehr schön durch den Wind ihre Töne hervorbringen. Die eine befindet sich mit dem Rücken zur Reling auf der linken Seite (s. Bild 5; nicht sehr gelungen; es ist windig…) und ergibt damit einen schönen Fūrin-Raum und die andere befindet sich zu unserer rechten am Eingang der 田村堂 Tamuradō (s. Video 1).

Wir befinden uns endlich auf der großen Terrasse (舞台 butai, eigtl. „Bühne“) vor der 本堂 Hondō (s. Bild 6). Normalerweise stehen hier viele junge hübsche Frauen in (oftmals geliehenen) Kimono, die sich ablichten und (auch mit Fremden) ablichten lassen. Heute scheinen sie sich jedoch rar gemacht zu haben.

Bild 6. Die Haupthalle des Kiyomizudera.

Bild 6. Die Haupthalle des Kiyomizudera.

Bild 7. Blick auf Kyōto mit dem Kyōto Tower in der Mitte.

Bild 7. Blick auf Kyōto mit dem Kyōto Tower in der Mitte.

Bild 8. Otowa no Taki von oben.

Bild 8. Otowa no Taki von oben.

Wir können von hier auf das weitläufige und flache Kyōto blicken (s. Bild 7) und sehen bereits eine weitere Sehenswürdigkeit unter uns, den 音羽の滝 Otowa no Taki (s. Bild 8). Zu ihm werden wir später gelangen.

Daher folgen wir zunächst den Schildern und durchschreiten Brüstungen und kleinere Gänge, die sich in Bauarbeiten befinden. Dabei kommen wir auch an der Halle vorbei, die eigentlich 100 Jizō-Statuen beherbergt. Leider ist auch sie aufgrund von Bauarbeiten nicht zugänglich.

Bild 9. Eine schöne Holzstruktur auf dem Berg.

Bild 9. Eine schöne Holzstruktur auf dem Berg.

Bild 10. Die Stützen des Kiyomizudera.

Bild 10. Die Stützen des Kiyomizudera.

Wir gelangen schließlich auf die (in meiner Erinnerung viel größere) Brüstung, die sich natürlich ebenfalls als Baustelle erweist, sodass man sich auf einem ca. zwei Meter breitem Streifen befindet, von dem man aus die hölzerne Konstruktion des Kiyomizudera in den Berg hineinragen sieht (s. Bilder 9 und 10). Alles ist von Grün erfüllt, die Stadt liegt vor uns in der Ferne, der Sonnenuntergang kündigt sich an und wir genießen die tolle Aussicht. Das hat sich gelohnt!

Bild 11. Der Koyasu no Tō aus der Ferne.

Bild 11. Der Koyasu no Tō aus der Ferne.

Bild 12. Der Koyasu no Tō im Detail.

Bild 12. Der Koyasu no Tō im Detail.

Da er uns eben schon in der Ferne augenfällig geworden ist (s. Bild 11), folgen wir dem Verlauf des Weges nicht unmittelbar nach unten sondern nach oben um eine kleine Kurve zum 子安塔 Koyasu no Tō („Turm für eine leichte Geburt“), einer sehr roten (wenn man davor steht ist es tatsächlich fast unnatürlich rot) dreistöckigen Pagode (s. Bilder 12 und 13). Von hier haben wir ebenfalls einen sehr schönen Ausblick auf das Hauptgebäude des Kiyomizudera und das Grün (s. Bild 14).

Bild 13. Und hier aus noch extremerem Winkel.

Bild 13. Und hier aus noch extremerem Winkel.

Bild 14. Auch von der anderen Seite schön.

Bild 14. Auch von der anderen Seite schön.

Ein Schwarm Vögel fliegt über uns hoch her (s. Bild 15), als wir uns nun nach unten aufmachen, an einem Fuchsschrein und an diesmal elefantenförmigen Plankenhaltern (s. Bild 17) vorbei. In diesem Moment wird mir erneut die enorm lautstarke Präsenz der Zikaden bewusst, zumal sich eine direkt neben mich an einen Baum begibt, als ich den Wald fotografiere (s. Bild 16). Die Zikade scheint sich auch nicht zu genieren, vor der Kamera zu singen (s. Video 2).

Bild 15. Die Vögel sind da.

Bild 15. Die Vögel sind da.

Bild 16. Der Wald in der Tempelanlage.

Bild 16. Der Wald in der Tempelanlage.

Bild 16. Elefanten auf Baustellen?

Bild 17. Elefanten auf Baustellen?

Unten sind wir nun an der berühmten Säuberungsstelle, dem 音羽の滝 Otowa no Taki, benannt nach dem Berg 音羽山 Otowasan, auf dem der Turm Koyasu no Tō ist. Wer das Wasser des Wasserfalls trinkt, soll seine Wünsche erfüllt sehen.

Bild 18. Ein paar Frauen tragen heute doch Kimono.

Bild 18. Ein paar Frauen tragen heute doch Kimono.

Während sich meine Begleiter in die Schlange begeben, bleibe ich zurück und beobachte das Treiben (s. Bilder 18 und 19). Es scheinen schon langsam die Vorkehrungen für das Ende des Besuchstages eingeleitet zu werden: Treppen werden abgesperrt und es kommen die ersten Durchsagen.

Bild 19. Es wird schon leerer.

Bild 19. Es wird schon leerer.

Bei der ganzen Warterei beginne ich irgendwann, die Melodie, die vor und nach jeder Durchsage läuft, vor mich hinzusummen – manchmal wohl so laut, dass sich Leute erschrocken von mir abwenden. Da mich eigentlich nur beschäftigt, ob es den Anderen noch vergönnt ist, bis zur Wasserstelle (s. Bild 20) zu kommen, ist mir das egal. Sie schaffen es.

Bild 20. Das Wasser des Wasserfalls landet hier.

Bild 20. Das Wasser des Wasserfalls landet hier.

Mit dem Sonnenuntergang (s. Bild 21) werden wir nun mit den letzten Gruppen aus dem Gelände gebeten. Eine unbeschreiblich schöne (und leicht kitschige) Atmosphäre breitet sich über der Landschaft um uns aus (s. Bilder 22 und 23). Neben einer merkwürdig deplatziert wirkenden Uhr kommen wir schließlich wieder am Niōmon an, das nun in ein sehr schönes Rot getaucht ist (s. Bilder 24 und 25).

Bild 21. Die Sonne hinterlässt Spuren...

Bild 21. Die Sonne hinterlässt Spuren…

Es geht also wieder den Berg runter, diesmal allerdings nehmen wir recht früh eine Nebenstraße und biegen rechts ab. Jetzt haben wir auch mehr Zeit, das Kyōto um uns herum zu betrachten.




Bild 22. ...und bietet uns eine tolle Atmosphäre!

Bild 22. …und bietet uns eine tolle Atmosphäre!

Bild 23. Auch der Teich bleibt davon nicht unberührt.

Bild 23. Auch der Teich bleibt davon nicht unberührt.

Bild 24. Angekommen, wo wir hergekommen sind.

Bild 24. Angekommen, wo wir hergekommen sind.

Bild 25. Auch im Detail schön.

Bild 25. Auch im Detail schön.

Soghaft zieht uns das alte Kyōto immer weiter hinein, es kann sich unserer Blicke nicht entziehen. Man fühlt sich hier in idyllische Vorkriegszeiten zurückversetzt, bei den aus Holz gefertigten kleinen Häusern, die sich hier am Bergeshang die (Tür)klinke geben (s. Bilder 26 bis 32). Schirme (s. Bild 33) oder kleine europäische Details (s. Bild 34) zieren die Aussenfassaden mancher Häuser.

Bild 26. Die Läden haben zwar schon geschlossen...

Bild 26. Die Läden haben zwar schon geschlossen…

Bild 27. ...aber dennoch gibt es viele Wege zu erkunden.

Bild 27. …aber dennoch gibt es viele Wege zu erkunden.

Bild 28. So wie diesen Weg, der zu einem Schrein führt.

Bild 28. So wie diesen Weg, der zu einem Schrein führt.

Bild 29. Dass nicht so viele Leute unterwegs sind, trägt viel zur Atmosphäre bei.

Bild 29. Dass nicht so viele Leute unterwegs sind, trägt viel zur Atmosphäre bei.

Bild 30. Die Sonne legt sich über die Stadt.

Bild 30. Die Sonne legt sich über die Stadt.

Bild 31. Wie aus vergangenen Zeiten.

Bild 31. Wie aus vergangenen Zeiten.

Bild 32. Es wird wieder belebter.

Bild 32. Es wird wieder belebter.

Bild 33. Ein europäisches Detail am Haus.

Bild 33. Ein europäisches Detail am Haus.

Bild 34. Das sieht auch sehr traditionell aus.

Bild 34. Das sieht auch sehr traditionell aus.

Wir erblicken an manchen Stellen von Menschen beraubte Straßen (s. Bild 29) und über den Dächern hinweg die Spitze einer Pagode (s. Bild 31). Eine insgesamt schon fast zu romantische Atmosphäre.

Dennoch bleibt bei unserer Ankunft unten auf der Straße kein Ästhetikempfinden unberührt, als sich der Sonnenuntergang über die ebenfalls kaum von Menschen gesäumte Straße legt (s. Bild 35). Die Spiegelungen dieses Anblicks (s. Bild 36) lassen die Unendlichkeit auch Teil des Privaten werden.

Bild 35. Mir gehen bald die Worte aus.

Bild 35. Mir gehen bald die Worte aus.

Bild 36. Der Sonnenuntergang, wie er sich im Fenster spiegelt.

Bild 36. Der Sonnenuntergang, wie er sich im Fenster spiegelt.

Es geht unter Bäumen (s. Bild 37) die Straße runter bis wir auf die große Straße zurückgelangen. Dort gehen wir nun bis zum Schrein zurück, den wir bereits auf dem Hinweg passiert haben. Hell erstrahlt (s. Bild 38) wirkt das Tor am Kopfende der uns wohlbekannten Shijō-Straße (s. Bild 39) wie ein ungewolltes spirituelles Ziel der Architektur.

Bild 37. Auf dieser Straße geht es zunächst zurück.

Bild 37. Auf dieser Straße geht es zunächst zurück.

Da in der Regel zwei plus zwei vier ergibt (nur nicht bei Orwell) und vier größer als zwei ist, lag es nahe, den Anblick der Straße mit dem Tor zu kombinieren. Das Ergebnis seht Ihr auf Bild 40. Ich muss sagen, es sah in natura viel besser aus, aber so ist das ja häufiger.

Bild 38. Das schöne "Tor der westlichen Kirschblüten".

Bild 38. Das schöne „Tor der westlichen Kirschblüten“.

Da unsere Abfahrt und damit unsere letzte Mahlzeit schon etwas zurückliegt, beginnt in den ersten von uns, ein Gefühl des Hungers aufzukeimen. Des Weiteren fühlen wir uns daran erinnert, noch einen Internetzugang zu finden, um eine Kopie eines Reisepasses abzuschicken.

Bild 39. Unsere Hauptstraße des Aufenthaltes.

Bild 39. Unsere Hauptstraße des Aufenthaltes.

Wir laufen die Shijō-Straße auf der linken Seite entlang und entdecken zwei (von hier unten) nett aussehende Dachbars, derer eine wir gedenken, später zu besuchen. Aus der Dringlichkeit heraus stoppen wir noch kurz in einer Apotheke und versuchen abermals vergeblich, an Bushaltestellen freien WLAN-Zugriff zu haben.

Nachdem wir dies auf beiden Straßenseiten festgestellt haben, gelangen wir schließlich in einen Starbucks auf der eingangs betretenen Seite, der nach einmaliger Anmeldung kostenlosen Internetzugang anbietet. Praktischerweise ist im selben Gebäude ein Münzcomputer, der uns für zehn Minuten 100¥ kostet. Wir schaffen es, knapp unter der Begrenzung, bereits hier die notwendigen Dokumente abzuschicken.

Bild 40. Die Straße aus dem Tor heraus.

Bild 40. Die Straße aus dem Tor heraus.

Erleichtert können wir uns endlich auf die Suche nach dem Abendessen begeben. Wenn es denn nur so schnell ginge…

Erneut klappern wir beide Straßenseiten ab, aber die einzigen Läden, die Essbares anbieten, sind Geschäfte. Gewitzt wie wir sind, biegen wir rechts in eine Nebenstraße ein, die neben ein paar suspekten Personen und Autos durchaus auch Restaurants zu bieten hat.

Jedoch gefällt uns immer irgendetwas nicht. Sei es der Preis, sei es das angebotene Essen, sei es, dass es nicht auf einer Dachterrasse ist. Wir kommen schließlich wieder auf der Shijō-Straße an und befinden uns nun an der Kreuzung vor der Brücke, an deren jeder der zwei Ecken, dem Flusse zugewandt, beeindruckende, nach europäischer Architektur erbaute Paläste (Hotels) sind.

Wir überqueren die Brücke und biegen sofort rechts ein, in der Hoffnung, in einem der Läden mit Flussblick Platz zu finden. Jedoch ist der verfügbare Platz nicht unser einziges Problem.

Wir befinden uns gerade im Randgebiet von 祇園 Gion, dem traditionellen Ausgehviertel Kyōtos. Und der Eindruck Kyōtos ist ein gehobener. Dementsprechend begrüßen uns Preise, die sich ob einer Gestalt von „2000¥“ oder niedriger schämen würden. In Läden zu schauen, die keinen Flussblick haben (das haben nämlich schonmal alle nicht, die links von uns sind), ändert nichts daran; genauso wenig die Tatsache, dass wir uns auf einer ca. 90cm breiten Nebenstraße mit einer Masse an anderen Leuten befinden.

Wir wandern weiter, nach gefühlten 30 Minuten finden wir schließlich in einer Nebenstraße der Nebenstraße einen akzeptablen オムライス Omuraisu5-Laden. Ein Menü für im Schnitt 1400¥ sättigt (oberflächlich) unseren Hunger. Ein altes jap. Sprichwort besagt jedoch: Gemeinsam mit der schlechten Laune verschwindet das Budget.6

Daher verlassen wir guter Dinge nun Gion und überqueren erneut die Brücke, da wir eine Dachbar an der Ecke (demzufolge mit Flussblick) als unsere nächste Destination auserkoren haben. Leider ist für uns nur noch ein Platz an einer der nicht-Flussseiten frei. Dennoch tut ein kühles Bier an der frischen Luft gut.

Wir dürfen nicht zu lange bleiben, da der Betrieb nach einer halben Stunde eingestellt wird; die osteuropäisch aussehenden Bedienungen, die nun die Dachterrasse erreicht haben vermitteln jedoch einen anderen Eindruck. Beim Bezahlen stellt sich noch heraus, dass unser Kellner ein wenig Deutsch spricht, da er Geschichte studiert hat und viele historische Texte auf Deutsch gelesen hat.

Es ginge nun wieder einmal über die Brücke, wenn uns nicht gerade ein Straßenmusiker fesseln würde. Er scheint enorm viel Spaß an der Sache zu haben und das transportiert er auch mit Genugtuung. Ein bisschen Beatles und Van Halen waren auch drin.

Bild 41. Flussidylle.

Bild 41. Flussidylle.

Nach einer Viertelstunde geht es für uns wirklich erneut über die Brücke (s. Bild 41), da wir uns ins Hostel zurückbegeben wollen, um den Gemeinschaftsraum zu erkunden.

Dort treffen wir auf ein paar an, mit denen wir prompt in den コンビニ nebenan gehen, um was zu trinken kaufen. Die Hauptperson dabei ist ein Amerikaner, der sehr viel redet und der gerade einen fünfjährigen Chinaaufenthalt hinter sich hat. Mit ihm und zwei anderen machen wir uns in den Gemeinschaftsraum auf, wo wir einen weiteren Deutschen und einen costa-ricanischen Kanadier treffen, der jetzt seinen Doktor in 仙台 Sendai macht und der Noam Chomsky am MIT getroffen hat.

Zum Beweis (denn, dass er damit meinen Neid hat, ist klar), zeigt er mir ein Foto aus Noam Chomskys Büro, auf dem beide abgelichtet sind. Da er Soziolinguist ist, reden wir ein wenig über’s Fach und es endet in etwas, was später von einem meiner Begleiter als „metaphorischer Schwanzvergleich“ bezeichnet wurde, da ich ihm von meinem anstehenden Praktikum erzählt habe. (Den Kontext bildet die Bedeutung akademischer Hintergründe in Japan.) Ich sehe das nicht so wie mein Begleiter. Wahrscheinlich war ich da einfach sehr japanisch.7

Der Amerikaner verstört derweilen noch eine Französin und nachdem wir dem Kanadier unser Reiseziel für morgen angekündigt haben und es mit seinem koinzidiert, beschließen wir, morgen Mittag gemeinsam hinzufahren. Wir verabreden uns in der Hostellobby und verabschieden uns für den Abend von der Gemeinschaft.

Und an dieser Stelle verabschiede ich mich für den Abend. Ich bitte, die mehr als zweiwöchige Pause zu entschuldigen, aber ich hatte eine Hausarbeit zu schreiben.


Mumon

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Fußnoten

So ein Reiseführer enthält schließlich praktische Hinweise hinsichtlich Eintrittszeiten und -gebühren.

Am 18. September wurde dabei die letzte vermisst gemeldete Person tot aufgefunden, womit die Opferzahl auf insgesamt 74 gestiegen ist. [2]

In der Edo-Periode zum Beispiel, als das Shōgunat und damit die Politik ihren Sitz nach Edo verlagerte, erreichte man das Ziel, den Einfluss des Kaisers möglichst gering zu halten, dadurch, sich einfach physikalisch von ihm zu distanzieren.

4 着物 Kimono bedeutet eigentlich nur „Sache(n) zum Anziehen“.

オムライス Omuraisu ist Reis mit Spiegelei drauf.

不興と共に金がなくなる。Fukyō to tomo ni kane ga nakunaru.

„Top-ranking institutions are called ichi-ryū (first rate) […], though there is a ranking order among those classified as ichi-ryū, and there is only one at the very top. […] This ever-present consciousness of ranking contributes to the encouragement of competition among peers. […] The Japanese are not so much concerned with social background as with institutional affiliation. […] In this respect the order of rank underlying the structure of Japanese society serves a function similar to a classification by caste or class, by which the individual is located.“ ([3], S. 95-96)


Quellen

[1] http://www.reuters.com/article/2014/08/20/us-japan-landslides-idUSKBN0GK06720140820

[2] http://www.fnn-news.com/news/headlines/articles/CONN00276950.html

[3] Nakane, Chie (1985). Japanese Society. Tokyo: Charles E. Tuttle. 2. Auflage.

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