Pimp my literary criticism: Thug Notes

„Wassup, playas?“ Wer in der Schule Buchzusammenfassungen und -analysen schreiben musste, kennt das: oft hatte man keine Zeit und/oder Lust, das fragliche Buch auch nur in die Hand zu nehmen. Wie praktisch waren da all die Internetseiten, die einem in größtem Detail Charakterbiographien und Motiverklärungen geliefert haben. Manchmal musste es aber auch gar nicht so ausführlich sein; in dem Falle hätten die Videos des folgenden Herrn damals locker gereicht und zudem hätte es besser und unterhaltsamer nicht gehen können.

Die Rede ist von Sparky Sweets, Ph.D. Noch nie gehört? Und wie sieht’s mit „Thug Notes“ aus? Auch nicht, schade. Gut, dann möchte ich das an dieser Stelle ändern!


Peep this motif, son

Die „Thug Notes“ sind ca. fünfminütige Buchzusammenfassungen und -analysen von Klassikern der Literatur – und zwar direkt aus der Hood. Der einleitende Kontrast zwischen klassischer Musik + Bücherregal1 und Gangster + Blingbling sorgt natürlich zunächst für ein Schmunzeln.

Fällt einem beim ersten Betrachten der Sprachstil am ehesten auf, so wird bei näherem Betrachten klar, dass die Zusammenfassungen und Analysen sehr konzise und auf den Punkt gebracht sind.

„Today we’re searching for some motherfucking truth!“ heißt es einleitend zu König Ödipus von Sophokles (s. unten; man achte auch auf das Shirt). Solche ironischen Einleitsätze bringt er dabei ganz gerne. Anderes Beispiel dazu: „This week we’re turning up the heat with Fahrenheit 451 by Ray Bradbury.“

Unabhängig der Aufhänger bietet er nach der ausführlichen Inhaltszusammenfassung einen Einblick in die Motivik und Bedeutung der Werke. Dem kurzen Zeitrahmen verschuldet bleibt es allerdings nur bei einer Auswahl. Untermauert wird das Ganze jedoch häufig von zitierten Textpassagen und Bezügen auf andere Werke. Untermalt wird es zudem durch liebevolle Zeichnungen, drollige Montagen und Kunstbilder.2

Kernpunkt ist aber nichtsdestoweniger die Sprache, in der er alles vermittelt. Pimp my literary criticism, indeed. Dabei gelingt es ihm spielerisch, die durch Literatur vermittelte Egalität durch Subversion unserer klischeebehafteten Erwartungen aufzuzeigen. Books are for everyone, bitches!

Zum Abschluss und zur besseren Illustration folgt eine Auswahl von fünf meiner Lieblingsvideos:

1) König Ödipus (Sophokles):


2) Heart of Darkness (Joseph Conrad):


3) Slaughterhouse-Five (Kurt Vonnegut):


4) Lolita (Vladimir Nabokov):


5) Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Fjodor Dostojewskij):


There was a time in my demented youth
When somehow I suspected that the truth
About survival after death was known
To every human being: I alone
Knew nothing and a great conspiracy
Of books and people hid the truth from me.

        – Vladimir Nabokov, Pale Fire


Insgesamt sind die Videos alle sehr gut gemacht und vor allem wenn man die besprochenen Bücher kennt, ist es ein besonderer Spaß, ihm dabei zuzuschauen. Aber auch für Bücher, die man nicht kennt, können diese Videos Anreiz dafür sein, sie doch mal zu lesen.

Schließlich geht doch nichts über das Gefühl, ein Buch eigenständig von vorne bis hinten zu lesen und soghaft in die Welten anderer Köpfe hineingezogen zu werden und sie zu erfahren. Dann mal ran an die Bücher!


Mumon

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Fußnoten

1 Das Zimmer finde ich übrigens sehr beneidenswert; auch wenn es schönere Sessel hätten sein können.

2 Warum die allerdings zensiert sein müssen, bleibt mir ein Rätsel. Das amerikanische Publikum halt…

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