Fragen über Fragen

Fragen sind das bestimmende Moment der Erkenntnis. Ohne sie würden wir immer auf der Stelle treten. Nur dadurch, dass wir uns fragen, warum wir auf der Stelle treten, eröffnen wir uns die Möglichkeit, irgendwann einen Schritt nach vorne zu tun. So ist es auch beim Schreiben wichtig, sich viele Fragen zu stellen. „Ist das glaubwürdig?“ ist eine davon, aber sie dürfte wohl eine der am häufigsten gestellten und am schwersten zu beantwortenden Fragen dabei sein.

Man kann sich denn in diesem Kontext auch fragen, was literarische Konvention ist. Schließlich verläuft die positive Antworttendenz auf oben genannte Frage antiproportional zur Etabliertheit der Konvention, in dessen Rahmen das zu beurteilende Werk entstanden ist. Je gängiger das Schema (des Werkes, der Figurengestaltung etc.), desto unglaubwürdiger das Ergebnis.

Manchen gelingt eine Beantwortung dieser Frage durch radikale Änderung der literarischen Form – sei es beabsichtigt oder nicht. Joyce mit Ulysses oder Proust mit À la recherche du temps perdu zum Beispiel haben durch Abwendung von literarischer Konvention die Bedeutung aufgezeigt, die dem Fragen innewohnt – sowohl auf Seiten des Autors als auch auf Seiten des Lesers. Durch die Frage, wie sich Menschen und vor allem Gedanken entwickeln, haben sie zudem die Frage „Ist das glaubwürdig?“ ganz glaubwürdig beantwortet.

Wenn man es anders betrachtet, kann man auch davon sprechen, dass Experimentierfreude literarische und persönliche Grenzen aufdeckt und erweitert. Mich in die Tradition der Oulipo (L’Ouvroir de Littérature Potentielle) stellend – die darum bemüht ist, durch Beschränkung der Erzähl- oder Sprachmittel (z.B. durch die Maßgabe, den Vokal „e“ auszulassen1) Geschichten zu erzählen –, habe auch ich mich gefragt, was gewohnte Literatur ausmacht.

Meine Antwort ist banal: sie besteht größtenteils aus Aussagesätzen. Das hat mich zu der Überlegung geführt, wie es wohl wäre, eine Geschichte in Form von Fragen zu schreiben. Das Ergebnis seht ihr hier, zu den Problemen und Auffälligkeiten beim Schreiben äußere ich mich darunter.

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Die Hauptschwierigkeit für mich bestand – narrativ gesehen – darin, aus der ersten Person heraus Bewegung zu beschreiben. Wenn man versucht, den normalen Erzählprozess auf den Kopf zu drehen, muss auch berücksichtigt werden, dass sich Personen, Gegenstände oder gar Handlungen über den Raum erstrecken, sich in ihm bewegen. Zudem fand ich es schwierig, Umweltelemente zu beschreiben, da man nur die Möglichkeit hat zu fragen, ob sie vorhanden sind oder warum sie vorhanden sind.

Ein Lösungsansatz könnte sein, die Umgebung oder auch Bewegungen in Nebensätzen zu beschreiben, da sie in der Regel nicht im Skopus des Frageworts des Hauptsatzes liegen. Denn wenn noch die Existenz und der Zweck von Möbeln, des Wetters etc. pp. in Frage gestellt werden, dann ist das kein Lesespaß mehr, denke ich.

Das zweite Problem ist die Einschränkung in der Wortwahl für die Fragebildung im Englischen. „be“ mit Flexionen, „has“, „had“ „do“, „did“, „have“, „had“ und die Wh-Wörter sind mit wenigen Ausnahmen die Wörter, mit denen Fragesätze gebildet werden. Wie Ihr gelesen habt, ist das auf Dauer anstrengend.

Daher kann ich nur sagen, dass ich sowas entweder also auf Deutsch schreiben oder dass ich mich mehr damit befassen muss.2 Oder dass ich die Untergrabung der Realität als Schwerpunkt meines Schaffens anerkenne.3 Was auch immer.

Die große Frage bleibt aber: ist das glaubwürdig?


Mumon

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Fußnoten

1 Siehe La disparition von Georges Perec. Oder das Gegenwerk – „e“ als einziger Vokal – Les Revenentes.

2 Was ich auch überlegt habe ist, eine normale Geschichte in Frageform umzuschreiben. Das sieht mir zwar eher nach einer Schulaufgabe aus (ob’s sowas bei uns gab, weiß ich jedoch nicht), aber vielleicht hilft es ja, den sprachlichen Horizont zu erweitern. Auf der anderen Seite ist natürlich die Veränderung des Denkens bei der genuin in Frageform geschriebenen Geschichte das Interessante, was man wahrscheinlich schwerlich umgekehrt herausbilden kann. Also: einfach mal in Fragen denken.

3 Ohne jetzt diskutieren zu wollen, was „Realität“ ist und ob nicht jeder Autor sie in gewisser Weise untergräbt.

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